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Die Zukunft wird laut! So war das Reeperbahn Festival 2023

Axel SchillingAxel Schilling, 27.09.2023

Axel Schilling

Axel Schilling
27.09.2023

Das 18. Reeperbahnfestival ist vorbei und damit beginnt endlich wieder die Vorfreude auf die nächsten Mega-Konzerte auf dem Kiez in Hamburg – auf das Reeperbahn Festival 2024. Denn eines ist sicher: Das Festival ist immer noch eines der ganz besonderen Musik-Events der Welt. Wo sonst kann man (theoretisch) rund 475 Konzerte von gut 400 Künstlern in den vielleicht geschichtsträchtigsten Clubs Europas erleben? Aber wer tatsächlich alle Konzerte sehen wollte, hätte sich vorher mehrfach klonen müssen. Zudem gab es wirklich krasse Geheimkonzerte. K.I.Z aus Berlin haben über Nacht einen dreiteiligen Bühnenturm aufgebaut und am Freitagabend tausende Fans mit ihrer einmaligen, ungewöhnlichen Show überrascht. Ich war zu der Zeit am anderen Ende der Reeperbahn und habe nichts davon mitbekommen. Na super. Ehrlich gesagt war ich aber verwundert, dass bei Antje Schomaker in der Großen Freiheit 36 verhältnismäßig wenig los war. Sicher hat der Flurfunk aller anderen so gut funktioniert, dass die Masse der Besucher zu K.I.Z. gepilgert sind. Am Abend zuvor trat Paula Hartmann als Surprise-Act auf protzigen SUVs auf.

Am Ende war es wie immer: Man musste sich treiben lassen und nehmen, was kommt – oder halt genau planen, was man sehen wollte. Ich habe mich eher treiben lassen und meine Aufmerksamkeit besonders dem Nachwuchs geschenkt. Denn darum geht es schließlich beim Reeperbahn Festival, oder? Sollte es zumindest. Die meiste Aufmerksamkeit bekommen am Ende aber doch die altbekannten Stars.

Auf dem Weg zum Star sind vor allem die für den Anchor Award nominierten Newcomer:innen. Die japanische Künstlerin Ichiko Aoba gewann am Ende die begehrte Auszeichnung und erhielt Tour-Equipment im Wert von 20.000 Euro. Ihre minimalistische Darbietung und ruhige Musik setzten sich gegen internationale Konkurrenz durch. Weitere Nominierte waren unter anderem Berq, Daisy the Great, Hannes, Paris Paloma und Waterbaby.

Ich habe es natürlich allen nominierten Künstler:innen gegönnt und nehme euch jetzt chronologisch mit auf meinen krassen, entspannten, lässigen, verrückten und manchmal auch langweiligen Trip über den Festival-Kiez:

SOMEONE IM MOLOTOW BACKYARD
Um mich aufzuwärmen, begab ich mich ins Molotow. Hier wurden drei Bühnen und der Backyard nahezu nonstop bespielt. Mit entspanntem Dream-Pop und Songwriter-Folk von Tessa Rose Jackson, besser bekannt als Someone, startete für mich das Festival in entspannter Atmosphäre.

BABY’S BERSERK IM MOLOTOW CLUB
Die Reise führte mich weiter in den Molotow Club, wo die niederländische Band Baby’s Berserk auftrat. Ihre Mischung aus tanzbarer Clubmusik und Live-Performance füllte schon am Nachmittag den gesamten Saal.

PAULA PAULA IM HÄKKEN
Im Häkken, einer kleinen und modernen Location am Spielbudenplatz, gab es ebenfalls kaum noch Platz für weitere Gäste. Marlène Colle und ihre Band Paula Paula präsentierten Songs von ihrem Debütalbum „schade kaputt“ und verbreiteten gute Laune unter dem internationalen Publikum.

FEATURETTE IM BAHNHOF PAULI
Endlich wurde ich richtig wach! Einen Schritt weiter, im Bahnhof Pauli, lieferte das Trio Featurette ihren schillernden Electropop. Es war Action pur! Front-Frau Lexie Jay gab alles, sowohl auf als auch vor der Bühne.

SENTA IM INDRA
Ein anderer Club, eine ganz andere Art von Musik. Im Indra trat Senta auf. Sie ist ein experimentierfreudiges Multitalent, das sich immer wieder neu erfindet, sei es auf der Bühne bei Star Search, in großen Musiktheater-Engagements oder als Teil der Band Oonagh. Dabei entwickelt sie kontinuierlich ihren eigenen, vielseitigen Sound. Sie wirkte sympathisch, nahbar und motivierend auf das Publikum.

ANDRINA BOLLINGER IM KAISERKELLER
Nebenan im Kaiserkeller schaute ich kurz bei Andrina Bollinger vorbei. Sie ist eine vielseitige schweizerische Künstlerin, die aus einem breiten musikalischen Spektrum schöpft, von Klassik und Jazz bis hin zu Folk und Pop.

WILHELMINE IM INDRA
Zurück im Indra (Spoiler: nicht zum letzten Mal). Wilhelmine, eine aufstrebende Nachwuchskünstlerin aus Berlin-Kreuzberg, betrat die Bühne und überzeugte mit ihrer eindrucksvollen Musik, die Empowerment-Pop, Eingängigkeit und Poesie vereint.

NIEVE ELLA IM MOLOTOW CLUB
Ein kurzer Abstecher zurück ins Molotow. Nieve Ella stand aufgeregt neben mir, bevor sie die Bühne betrat. Sie hatte die Performance und ihre Fans von Anfang an im Griff.

ASBEST IM KAISERKELLER
Wieder zurück im Kaiserkeller. Es ging hin und her auf der Großen Freiheit. Wirklich praktisch, dass hier so viele Locations direkt nebeneinander lagen. Asbest spielte ihren verzerrten Post-Punk mit großer Leidenschaft. Wenn ich mich nicht täusche, war sogar Bassistin Judith Breitlinger während des Auftritts schwanger auf der Bühne. Wenn das tatsächlich so war, wünsche ich ihr alles Gute und freue mich, dass die musikalische Früherziehung so intensiv betrieben wird. Falls ich mich irre, entschuldige ich mich natürlich.

ANTJE SCHOMAKER IN GROSSE FREIHEIT
In der Großen Freiheit 36 trat schließlich eine bereits bekannte Künstlerin auf: Antje Schomaker. Selbstbewusst, verspielt und professionell präsentierte sie unter anderem ihre neue Single „Lost Indieboy“. Leider vor weniger Fans als ich erwartet hatte. Hat der Secret-Act K.I.Z. ihr die Aufmerksamkeit gestohlen?

CLOUDY JUNE IM INDRA
Und wieder landete ich im Indra. Cloudy June hatte am Abend zuvor bereits ein Konzert gegeben und sich ernsthaft verletzt. Das hielt die starke Sängerin jedoch nicht davon ab, erneut vor begeisterten Fans zu stehen. Oder saß sie? Selbstbewusst und unterhaltsam performte sie das ganze Konzert auf einem Barhocker.

MISCHGEWEBE IM KAISERKELLER
Im Kaiserkeller wurde ich erneut überrascht. Das Duo Mischgewebe zog mich mit ihrem sphärischen Trip-Hop in den Bann.

WATERBABY IM GRÜNSPAN
Mein Finale am Donnerstagabend war die für den Anchor Award nominierte Sängerin Waterbaby aus Stockholm. Leider konnte sie die Auszeichnung nicht gewinnen. Möglicherweise war die Jury ein wenig von ihr gelangweilt.

KYLE MC KEARNY IM UWE
Der Freitagnachmittag begann mit Countrymusik aus Kanada im Club Uwe. Kyle McKearney, früher in Rock- und Country-Projekten aktiv, fand als Solokünstler mit seinem Album „Down Home“ (2021) großen Erfolg, was bei den Canadian Country Music Awards 2022 zur Nominierung für das beste Alternative Country Album führte. Uwe war brechend voll. Bedeutet das etwa, dass Countrymusik in Deutschland im Aufwind ist? Ich mag es!

BLUSH ALWAYS AUF DER FRITZ KOLA BÜHNE
Ein kurzer Ausflug auf das Festivalgelände. Grundsätzlich kann man sich beim Reeperbahn Festival gut treiben lassen und an jeder Ecke ein Konzert hören. So auch auf der Fritz Kola Bühne mit Blush Always. Die Leipziger Sängerin und Songwriterin veröffentlichte im September ihr Debütalbum „You Deserve Romance“, das mit Indie-Rock, Pop-Sensibilität und Punk-Gestus ein starkes Statement für Self-Empowerment in der deutschen Musiklandschaft darstellt.

SHAUN FARRUGIA IM BAHNHOF PAULI
Meine persönliche Lieblingslocation ist immer einen Besuch wert. So auch am Freitagnachmittag. Im Bahnhof Pauli traf ich auf den 26-jährigen Sänger und Pianisten Shaun Farrugia aus Malta. Eine großartige Stimme und echtes, emotionales Storytelling.

SAM HIMSELF AUF DER SPIELBUDENPLATZ BÜHNE
Ein kurzer Abstecher auf den Spielbudenplatz brachte mich zu Samuel Koechlin, alias Sam Himself. Er ist ein vielseitiger Künstler aus Basel und New York, der mit seinem Debütalbum „Power Ballads“ (2021) in die Schweizer Charts einstieg. Sein Musikstil verbindet Post-Punk und Pop und wird als „Fondue Western“ bezeichnet.

NOISY IM BAHNHOF PAULI
Wieder im Bahnhof Pauli und wieder ein Highlight. Das UK-Trio Noisy überzeugte mit ihrem Alternative Rock, der Breakbeats, Rap und stadiontaugliches Sounddesign vereinte. Das Ganze wurde mit einer energiegeladenen Show präsentiert, die an The Prodigy, Chase & Status oder The Streets erinnerte. Sprünge, Tritte, Mosh-Pits – ich liebe solche Shows.

MARIE BOTHMER IM KNUST
Im Knust spielte Marie Bothmer. Eine Songwriterin, die ihre Gefühle offen in ihren Songs ausdrückt. Ich habe selten eine so gut gelaunte und schlagkräftige Sängerin erlebt. Und es gab eine Frontrow, die alles dafür tat, Marie zu übertönen.

YET NO YOKAI AUF DER SPIELBUDENPLATZ BÜHNE
Yet No Yokai bekam meine Aufmerksamkeit durch ihre grafische Darstellung. Ich konnte mir die Show nicht länger anschauen, aber ein Foto musste sein.

NIKOTIN AUF DER FRITZ KOLA BÜHNE
Eine ähnliche Situation auf der Fritz Kola Bühne. Diesmal wurde ich vom Sound der Band Nikotin angezogen. Ihr grooviger Austropop erinnerte mich ein wenig an Bilderbuch oder Wanda. Wiener Schmäh macht einfach Spass.

SARAH REEVES IM BAHNHOF PAULI
Im Bahnhof Pauli wurde es etwas ernster und noch internationaler. Sarah Reeves unterschrieb bereits mit 18 Jahren ihren ersten Plattenvertrag bei Sparrow Records, brachte ihre Debüt-Single „Sweet Sweet Sound“ heraus und entwickelte sich über die Jahre in den USA zu einer respektierten Musikerin mit Top-Platzierungen in den Billboard-Charts und zahlreichen Kollaborationen. Schon beim Soundcheck hörte ich, mit welcher Leichtigkeit die ganz großen Töne aus ihrer Lunge flogen. Eine beeindruckende Show und wieder eine Prise Nashville-Country-Pop für meine Ohren.

HENRYY, REEZA & LISKA IM KAISERKELLER
Den restlichen Abend zog es mich wieder in die Große Freiheit. Im Kaiserkeller präsentierte sich der Nachwuchs des Deutschrap. Henryy, inspiriert von Größen wie Kendrick Lamar und Future, hat sich als selbstbestimmter Künstler im Deutschrap etabliert. Zuvor trat Liska auf, die mich an die Künstler:innen rund um Kitschkrieg erinnerte. Sie trat später nochmal als Feature mit Reeza auf. Beide sorgten für emotionale Szenen im Keller.

DAISY THE GREAT IM GRÜNSPAN
Obwohl sie für den Anchor Award nominiert waren, konnten Daisy the Great diesen nicht gewinnen. Dennoch lieferten sie ungezwungenen und ungeschminkten Indie-Pop, der das Grünspan zum Kochen brachte.

BERQ IM GRÜNSPAN
Ursprünglich sollte mein letzter Act des Abends The Hives sein. Doch zunächst ging es zu Berq. Der 19-Jährige aus Hamburg hatte bereits mit Singles wie „Echo,“ „Achilles“ und „Rote Flaggen“ gezeigt, dass er als Singer-Songwriter in seiner eigenen Liga spielt. Das bewies er auch an diesem Freitagabend.

Zumindest in den ersten drei Songs – danach musste ich zu The Hives. Eine Kollegin vom Festival schaffte es, mich und einen anderen Fotografen in die bereits volle Große Freiheit zu schleusen. Wir waren pünktlich an der Bühne und wurden dann böse überrascht: The Hives begannen ihre Show so viel früher, dass wir keine Fotos mehr machen konnten.

Vielleicht war es Schicksal. Denn egal, wie großartig The Hives akustisch und visuell sein mögen – sie sind nun wirklich keine Newcomer mehr. Ich wünsche Künstlern wie Berq, Sarah Reeves, Noisy, Cloudy June, Senta, Mischgewebe und allen anderen nur das Beste für ihre musikalische Zukunft. Wir sehen uns hoffentlich bald auf den großen Bühnen dieser Welt wieder.

Axel Schilling Axel Schilling

Axel Schilling, Jahrgang ’81, ist freiberuflicher Art-Director und Pressefotograf. Da er es musikalisch nicht selbst auf die große Bühne geschafft hat, macht er eben Fotos von denen, die es verdient haben.