Primavera Sound Festival 2022 (ES)

Festival Forum: Diskussion zu Primavera Sound Festival Barcelona 2022 (u.a. mit Dua Lipa, Nick Cave & The Bad Seeds)

eröffnet von concertfreak am 02.03.2021 12:03 Uhr
97 Kommentare - zuletzt von robintobs


JackD und weitere Nutzer sprechen darüber

97 Kommentare
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RedForman
20.05.2022 09:02·  Bearbeitet

Mein Timetable:
WE1
Freitag:
Weyes Blood
Fontaine’s DC
Beck/Little Simz
Warpaint
King Gizzard
Caribou

Samstag:
Einstürzende Neubauten
Nick Cave & TBS (vs Bauhaus) Wer hat das bitte geplant?
Gorillaz vs DIIV
Beach House
Disclosure

WE2
Donnerstag:
Amyl & TS
Khruangbin vs Ride
Interpol
Gorillaz
Dua Lipa
Tyler
Bicep

Freitag:
Sampa the Great
Lorde
The Strokes
The Smile
Grimes DJ

Samstag:
Genesis Owusu
Celeste
Jorja Smith
YYY
Fred again
Tame Impala
Jessie Ware
Megan Thee Stallion
DJ Seinfeld

WilliamBlake
31.05.2022 14:20·  Bearbeitet

Bin gerade am packen, morgen geht es schon los.

Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt, der Zeitplan hat sich noch mal geändert, vor allem auf den Hauptbühnen. Nick Cave hat jetzt eine Spielzeit von 2 Stunden. Endlich mal was Erfreuliches.

Bei mir gibt es wieder einige schlimme Überschneidungen. Leider gibt es auch den VIP-FOS-Bereich vor den Hauptbühnen nicht mehr. Eines der Hauptgründe weshalb ich mir ein VIP Ticket kaufe. Ich brauch keinen Sohoclub. Viel Geld für umsonst ausgegeben.

Der Transport zwischen den Hauptbühnen und Bits ist jetzt nur noch für Behinderte. Muss man nicht verstehen hat bis jetzt immer gut funktioniert. Musste nie länger wie 10 min auf einen Bus warten. Freue mich auf die Konzerte und hoffe, dass mich die Neuerungen doch nicht so sehr stören.

Wenn einer Lust hat auf ein Bier, dafür bin ich immer zu haben. Schreibt eine PM.



Die Hauptbühnen

frusciantefan
31.05.2022 22:06

Wow, 90 Minuten Neubauten und danach 2 Stunden Nick Cave & The Bad Seeds auf derselben Bühne ist natürlich ein Knaller. Ziemlich gut kuratiert. Sehr gut auch das Programm auf der Tous-Bühne am Samstag des ersten Wochenendes. Der Tag ist eh ziemlich gut.

Mir ist das dennoch alles viel zu viel und viel zu groß mittlerweile, ich bin übernächstes Wochenende in Porto und freue mich sehr darauf, da hat Nick Cave sicher auch 2 Stunden.

Marc1904
01.06.2022 12:28

Ich wünsche alle Leuten vor Ort viel Spaß. Leider musste ich meine 21er Tickets in die Retoure geben...

Gibt es eigentlich irgendwo einen Stream oder etwas ähnliches?

1Marc1904 gefällt das
Keyser
01.06.2022 17:40


Marc1904 schrieb:
Ich wünsche alle Leuten vor Ort viel Spaß. Leider musste ich meine 21er Tickets in die Retoure geben...

Gibt es eigentlich irgendwo einen Stream oder etwas ähnliches?

Zitat anzeigen


Ja, über amazon/twitch

www.primaverasound.com

JackD
JackD
02.06.2022 14:00


RedForman schrieb:
Strokes sind wegen Corona am ersten Wochenende raus.

Zitat anzeigen


Hart. Sehr hart.

Laut Statement geht es in Stockholm weiter. Tempelhof also noch bestätigt.

frusciantefan
02.06.2022 22:00·  Bearbeitet

Das ist schon heftig, nach all der Zeit.

Viel Spaß dennoch allen, die da sind!

blubb0r
02.06.2022 22:17

Bei efests regen sich alle über die schlechte Orga (lange Schlangen, viele Engstellen,...) auf.

Mad cool lässt grüßen

frusciantefan
03.06.2022 08:28

Ja, sie haben scheinbar die neue Area (Bits, links auf der Map) gemacht, um mehr Tickets zu verkaufen, da will aber niemand hin, also ist einfach das Hauptgelände 10-15% zu voll. Klingt ziemlich belastend, was die Leute so schreiben.

1defpro gefällt das
RosaBaer
03.06.2022 08:58

Habe ja als Weekend 2 Besucher noch die Hoffnung, dass sich das heute / morgen organisatorisch ein bisschen stabilisiert..

Der Strokes-Freitag nächste Woche könnte hart werden.

frusciantefan
03.06.2022 10:21

Ja, das klingt wirklich alles unschön. Passt gut auf euch auf, alle die da sind.

Nikrox
Nikrox
03.06.2022 12:33Supporter


RosaBaer schrieb:
Habe ja als Weekend 2 Besucher noch die Hoffnung, dass sich das heute / morgen organisatorisch ein bisschen stabilisiert..

Der Strokes-Freitag nächste Woche könnte hart werden.

Zitat anzeigen


Das habe ich auch nicht verstanden. Das Festival, inklusive der Day Tickets für Freitag, ist doch ausverkauft. Wie kann man da einfach den tausenden Day Ticket-Inhaber:innen von dieser Woche Zutritt geben? Das klingt schon extrem fahrlässig. Vor allem wenn es jetzt schon viel zu voll ist.

robintobs
04.06.2022 04:41


RosaBaer schrieb:
Habe ja als Weekend 2 Besucher noch die Hoffnung, dass sich das heute / morgen organisatorisch ein bisschen stabilisiert..

Der Strokes-Freitag nächste Woche könnte hart werden.

Zitat anzeigen


Heute war es einiges besser, es gab drei zusätzliche Stände an denen kostenlos Wasser verteilt wurde und die Bars waren viel organisierter als gestern, mussten nie länger als 5-10 Minuten warten (gestern ca. 40-60). Keine Ahnung wie sie es geschafft haben alles zu beheben, aber sehr stark auf jeden Fall.

Ich hoffe es lag nicht nur daran, dass heute viele Leute wegblieben wegen der Strokes-Absage und den Umständen gestern.

RedForman
05.06.2022 10:26

Kann die anstehzeit vor den ciutat-Gigs gar nicht einschätzen. wie regelt ihr das?

WilliamBlake
05.06.2022 17:24

Geht mir genauso. Will noch mal Beck sehen. Werde wahrscheinlich kurz nach Türöffnung hin gehen. In der PS-App kann man sehen, wie ausgelastet die Club sind.

3Keyserund anderen gefällt das
defpro
defpro
04.07.2022 10:37·  Bearbeitet

Bin zwar etwas spät dran, wollte aber auch nochmal etwas detaillierter zu den Bands beim Primavera Sound 2022 schreiben. War musikalisch ein sehr tolles Wochenende und da ich bislang noch nicht auf so vielen Indie-Festivals unterwegs war, gab es für mich auch seeeeehr viele Artist-Premieren. Hab mich ein wenig wie bei meinem ersten Rock am Ring 2008 gefühlt, weil das Line-up nicht nur aus Bands bestand, die ich alle schon 100x gesehen habe.

Wir waren wie gesagt nur für das zweite Wochenende da, hatten aber vorher noch ein paar Tage Sightseeing gemacht. Ciutat-Konzerte wären also theoretisch einige möglich gewesen. Nachdem wir (vermutlich Klimaanlagen-bedingt) gesundheitlich jedoch schon etwas angeschlagen waren und die Berichte über lange Schlangen und für uns ungünstige Priorisierungen eintrudelten, haben wir diese Pläne über den Haufen geworfen (schade um den King Hannah/Los Bitchos-Abend) und uns auf den Mittwoch konzentriert.

Mittwoch - Poble Espanyol:

Hier hatten wir uns im Vorfeld bereits DICE-Tickets gekauft. War zwar eigentlich etwas entgegen meiner Prinzipien, aber im Endeffekt war ich vor Ort super froh, dass wir entspannt kurz vor Beginn an der sehr langen Schlange vorbeikonnten. Zur Location hat JackJones bereits alles gesagt: Sah echt super schön aus. Schade, dass wir erst so knapp vorher da waren, sonst hätte ich mich gerne auf dem Gelände noch etwas mehr umgesehen.

Die erste Band war Pom Pom Squad. Der Publikumsbereich war noch eher spärlich gefüllt, weil die meisten noch draußen am Anstehen waren. Die tanzbareren Indie-Rock-Pop-Punk-Songs der Band haben für einen schönen Einstieg gesorgt. Das Pacing des Sets fand ich etwas merkwürdig, da in der zweiten Hälfte fast nur Balladen gespielt wurden. Hätte man etwas besser mixen können. War aber ein schöner Einstieg.

Weiter ging es mit Magdalena Bay, für mich dem Lowlight des Abends, was aber ausschließlich die Sound-Person zu verantworten hat. Der erste Song wurde gestartet, die darauf abgestimmten Visuals liefen und das Headset-Mic der Sängerin klappte nicht. Da wohl einiges vom Audio vom Band kam, konnte man nicht einfach pausieren und neu starten, sodass spontan auf ein Kabel-Mikro gewechselt werden musste, was ebenfalls nicht funktionierte. Alle Songs liefen in fließenden Übergängen, sodass man die ersten 2-3 Songs exakt null Gesang gehört hat, was bei einer Electro-Synthpop-Band zu nur mäßig spannenden Ergebnissen führt. Irgendwann hat man das Kabel-Mic dann doch zum Laufen bekommen, was zu einem Euphorie-Moment im Publikum geführt hat. Zumindest bei uns weiter hinten war es danach jedoch weiterhin ein einziger Sound-Matsch. Sehr schade. Hatte mich auf den Auftritt echt gefreut.

Im Anschluss gab es meinen einzigen negativen Getränkestand-Moment des ganzen Festivals. War ein bisschen Pech dabei, weil beide Thekendamen konsequent an mir vorbei bedient haben und die Cashless-Terminals auch noch Empfangsprobleme hatten. Deshalb leider von Ride die ersten 2,5 Songs verpasst, darunter das großartige "Leave Them All Behind". Naja, hätte das Ganze auch etwas besser timen können. Ride haben dann ihre komplette "Going Blank Again"-Platte gespielt (die komplette "Nowhere" gab es einen Tag später, da jedoch ohne mich). Könnte jetzt spontan gar nicht sagen, welche der beiden Konzerte ich lieber gesehen hätte, aber da von "Nowhere" normalerweise mehr im regulären Set landet, gab es für mich ein paar mehr Live-Premieren wie z. B. das großartige "Cool Your Boots". Ich muss zugeben, dass ich das Album jetzt nicht als DIE Klassiker-Platte sehe, zu der sie oft gemacht wird, sodass sich für mich in der zweiten Hälfte ein paar kleinere Längen eingeschlichen haben. Insgesamt aber ein toller Auftritt.

Khruangbin lieferten für mich danach die Überraschung des Abends. Ich war schon ein wenig erschöpft und einfach nicht in Stimmung für solche Musik. Da habe ich jedoch meine Rechnung nicht ohne die Münchner vor uns gemacht, deren gute Laune so ansteckend war, sodass ich dann doch sehr viel Spaß hatte und der Vibe für mich im Endeffekt dennoch passte. Besonders cool waren die beiden gespielten Medleys, obwohl ich echt viele Songs nicht erkannt habe (ich muss mehr MF Doom hören). Hat sich super in das Set eingefügt und jemand, der "Apache" covert, hat bei mir sowieso einen Stein im Herzen.

Headliner des Abends waren Phoenix und meine Güte, hab ich mich auf die gefreut. Den großen Hype um "Wolfgang Amadeus Phoenix" hab ich damals komplett verschlafen und stattdessen nur irgendwelche Metalcore-Bands abgefeiert. Hab deshalb auch erst viel zu spät erkannt, was für eine geile Platte das auch abseits der beiden großen Hits ist. Besagte Hits markierten dann auch den Beginn und das Ende des Sets und die Euphorie im Publikum war richtig heftig. Hab mich dann auch zu einem kleinen Pogo zu "1901" hinreißen lassen. Die Mitte des Sets hatte dafür ein paar (gewollte) Ruhepole zu viel für mich, was aber sicherlich auch an meiner Erkältung lag (aber Probs für die coolen Visuals zum "Love Like a Sunset"-Double). Leider gab's auch nur den Titeltrack der mMn unterschätzen "Ti Amo"-Platte. Die beiden neuen Songs haben dagegen meine Euphorie bzgl. des neuen Albums noch nicht so ganz entfacht, aber der crowdsurfende Thomas zum Abschluss hat einiges wieder wettgemacht. Sehr tolle Live-Band und schön, dass ich sie nach all den Jahren endlich mal gesehen habe.

Der Heimweg um 1 Uhr nachts war im Anschluss noch super anstrengend, da weder U-Bahnen noch Trams, sondern ausschließlich Nachtbusse gefahren sind, welche dementsprechend auch komplett überfüllt waren. An quasi jeder Station wurden Leute unfreiwillig draußen gelassen, weil sie andere Leute aussteigen lassen wollten und der Busfahrer dann einfach die Türen vor ihnen geschlossen hat. Ist für mich ein Rätsel, dass man in so einer Millionenstadt wie Barcelona nicht die Öffis in einer eingeschränkten Taktung durchfahren lassen kann oder zumindest bei einem Festival eine Ausnahme machen kann. Hat uns zum Glück in den Folgenächten nicht mehr betroffen, da unser Hotel in Laufnähe zum Parc del Fòrum war.

Donnerstag:

Los ging es für uns direkt zum allseits beliebten Bits-Gelände, wo Griff eine sehr gute Pop-Show ablieferte. Hatten sie ja bereits als Support von Dua Lipa gesehen, aber bei einer kleineren Show kommt ihr Auftritt im Publikum auf jeden Fall noch ein gutes Stück besser an.

Mussten dann leider verfrüht schon wieder abhauen, weil ich unbedingt Jay Electronica sehen wollte. Meine Freundin sollte mir diese Entscheidung noch einige Male vorhalten, denn das war mit Abstand der verrückteste Auftritt des Wochenendes. Genau genommen wahrscheinlich auch der schlechteste, aber es gab Entertainment der anderen Sorte. Für alle, die ihn nicht kennen: Jay ist ein US-Rapper, der 2010 nach nur zwei bekannten Songs bei Jay-Zs Roc Nation gesignt wurde, dann 10 Jahre abgesehen von ein paar Feature-Parts keinen einzigen Song veröffentlicht hat, nur um 2020 dann ohne irgendwelche Promo ein Kollabo-Album mit Jay-Z zu droppen. Was hab ich mich auf den Auftritt gefreut. Hatte sogar auf einen Khruangbin-Gastauftritt gehofft, welche für einen Beat gesamplet werden. Ja, bei US-Rappern sind die Auftritte häufig low effort, aber doch nicht bei Jay. Der ist noch ein "echter Lyriker". Das ist noch "real hip-hop". Tja, weit gefehlt.
Fangen wir mit dem Musikalischen an: Aus den Boxen liefen die Originalsongs mit komplettem Vollplayback. Darüber rappte Jay dann, wenn er Lust dazu hatte, seine Texte. Wobei "rappen" das falsche Wort ist. Seine ruhige Vortragsweise ist live einem anstrengenden Shouten gewichen. Eine besondere Glanzleistung war es auch, dass Songs mit fremden Feature-Parts in keinster Weise gecuttet waren. Man hätte z. B. den Westside Gunn-Track "Free Kutter" einfach mit Jays zweiter Strophe erst einfaden können. Nein, der komplette Track wird gespielt, sodass man sich erstmal 1,5 Minuten Gunns erste Strophe vom Band anhören muss, bis Jay seine Strophe rappt. Genauso war es natürlich auch mit den Jay-Z-Parts der aktuellen Songs. Vermutlich auch der Grund, wieso Kanyes "Jesus Lord" nicht gespielt wurde. Da hätte man ja knapp 5 Minuten bis zu Jays Part warten müssen. Wieso man bei so viel Downtime dann noch ein 2-minütiges Spoken-Word-Intro von Louis Farrakhan, des Führers der Nation of Islam, spielen muss? Ich habe keine Ahnung.
Nun zum Auftritt selbst: Jay kommt auf die Bühne, hat nach 2 Minuten keinen Bock mehr auf die Bühne und geht ins Publikum, spielt dort 2 Songs, geht wieder auf die Bühne, schmeißt seinen Hut und NOI-Mantel sowie ein Walkie-Talkie ins Publikum, fragt das Publikum hintereinander, wer aktuell auf Weed, MDMA und Kokain ist. BARCELOONA BARCELOONA!!! Shout out J Dilla. Jay will, dass die Leute zu ihm auf die Bühne kommen. Barrikaden werden gestürmt, komplette Bühne ist überfüllt mit Leuten, nächster Song wird eine Minute gespielt, danach wird Jays Mikro abgedreht. Auftritt ist zunächst abgebrochen, alle Leute müssen wieder runter. Zeit vergeht, Security sucht die Bühne nach gefährlichen Gegenständen ab. Jay klatscht zum Dank ein paar Securitys ab, nur um im Anschluss den gleichen Security zu beleidigen ("if I see you near me again I'mma punch your fuckin' face"). Jay schmeißt Bühnenequipment und ein Mikro ins Publikum (bin mir ziemlich sicher, dass das Mikro an einer Person abgeprallt ist). BARCELOONA BARCELOONA! Jay geht wieder ab ins Publikum, spielt "Exhibit C", geht wieder auf die Bühne, rappt die letzten 30 Sekunden a cappella, schmeißt ein zweites Walkie-Talkie und ein zweites Mikro ins Publikum und verlässt die Bühne 20 Minuten vor Ende der angekündigten Zeit. Das ganze Set hat inklusive Playback-Songs und Konzertabbruch ne halbe Stunde gedauert. Einfach nur wow...

Nach einer Essenspause ging es für 2 Songs zu Slowdive. Hier hat der Vibe aber für mich nicht gestimmt und das Mikro von Rachel war entweder defekt oder zumindest unfassbar leise. Also ab nach Mordor für ein paar Interpol-Songs und einen guten Spot für Gorillaz. Heftige Menschenmenge, sehr viele Briten, ziemliches Gedränge. Stimmung für Interpol war überhaupt nicht vorhanden. Obwohl wir früh da waren, standen wir echt weit von der Bühne weg und es ging nichts mehr. Im Nachhinein war der Spot sehr schlecht gewählt, da es genau das Bottleneck zu FOH und VIP-Bühne war, wo sich einfach dauerhaft Menschen an einem vorbeiquetschen wollten. Wir haben es 4 Songs in dem Gedränge ausgehalten, aber irgendwann wurde es uns zu viel. Stimmung war zu dem Zeitpunkt auch keine vorhanden. Standen dann links relativ weit hinten, wo es auch sehr voll war, man vom Sound jedoch gar nichts mehr mitbekommen hat. Haben uns dann hinter FOH positioniert und den restlichen Auftritt über den Monitor verfolgt. Abgesehen von den Hits war keine Stimmung im Publikum, gerade der "Plastic Beach"-Mittelteil hat überhaupt nicht funktioniert. Dazu noch ein bisschen Setlist-Pech (viele "Demon Days"-Songs gestrichen und "Désolé" vom ersten Wochenende war auch nicht mehr dabei). War für mich im Endeffekt der schlechteste Auftritt des Wochenendes und wir waren erst mal ziemlich unterwältigt von der Hauptbühnen-Situation. Wenn man das Gelände etwas besser kennt, hätte man jedoch auch einen besseren Spot finden können.

Dua Lipa haben wir dann ebenfalls nur über den Bildschirm verfolgt, aber hier haben wenigstens die Hits gestimmt. Die Show war im Vergleich zur Solo-Tour natürlich abgespeckter, aber die Leute hatten ziemlich Spaß. Haben leider das Angèle-Duett knapp verpasst, weil wir nochmal den Weg zu Bits auf uns nehmen mussten...

... denn dort wartete Charli XCX und entschädigte uns für die teilweise etwas mäßigen Auftritte des Tages. Was für eine Show! Was für eine Power! Was für ein Publikum! Bester Auftritt des Tages mit Abstand. Alleine diese aufwändigen Dance-Choreographien waren schon der absolute Hammer. Für mich verständlich, dass dafür auch der Playback-Anteil etwas hochgefahren werden musste. Ihrer Stimme hat man die vorherige Erkältung jedoch mMn nicht mehr angehört. Der Anteil an neuen Songs war erwartungsgemäß sehr hoch, was man aufgrund des 1-Stunden-Slots auch gemerkt hat. Ich kam jedoch voll auf meine Kosten. Alleine schon das Intro-Triple aus "Lightning", "Gone" und "Move Me"... einfach nur krass. Später noch ein komplett ausrastendes Publikum zu "Vroom Vroom". Genau darauf hab ich mich seit 2019 gefreut (damals noch mit Mad Cool-Ticket im Gepäck) und meine Erwartungen wurden nur noch übertroffen. Ganz ganz toll!

Sind im Anschluss nochmal rüber zur Cupra-Stage, um noch ein wenig Bicep mitzunehmen. Sah mit den Visuals schon sehr beeindruckend aus und ich liebe die Songs auch, aber meine Energie war komplett hinüber und zum Tanzen war es teilweise auch etwas zu voll. Will mir gar nicht vorstellen, wie das ausgesehen hätte, wenn man 2manydj's nicht noch kurzfristig parallel gelegt hätte. Haben dann nach einigen Liedern erschöpft, aber glücklich den Heimweg angetreten.

Freitag:

Nachdem wir mit den Hauptbühnen am Vortag keine guten Erfahrungen gemacht hatten, beschlossen wir, diesmal frühzeitig da zu sein. So stand außerplanmäßig dann auch Brittany Howard auf unserem Plan. Gespielt wurden Songs ihrer Solo-Platte sowie drei Cover von Funkadelic, Jackie Wilson und Nina Simone. Die Cover waren für mich die klaren Highlights, von denen ich mir gerne noch mehr gewünscht hätte. Ihre eigenen Songs gingen, von dem Hit "Stay High" mal abgesehen nicht ganz so an mich, verließen aber hin und wieder auch mal den Neo-Soul/R&B-Pfad in drifteten jazzigere Gefilde ab. Zum Reinkommen in den Tag auf jeden Fall ein nettes Konzert.

Das Tageshighlight lieferte im Anschluss Lorde ab. Im Gegensatz zu unseren Befürchtungen war vor der Bühne noch massig Platz und erst kurz vor Konzertbeginn füllten sich die Reihen. So stand wir unbeabsichtigt viel weiter vorne als geplant und waren umgeben von lauter Lorde-Ultras, die jede einzelne Textzeile lauthals mitsangen. Hab mich als Gelegenheits-Fan fast etwas schuldig gefühlt. Highlight waren auf jeden Fall die "Melodrama"-Songs (bei "Liability" hab ich schon etwas Gänsehaut bekommen) sowie "Mood Ring" als für mich mittlerweile klar bester Song der aktuellen Platte. Dass sich drehende Bühnenbild sowie die reduzierte Choreographie haben sich sehr schon in den Auftritt eingefügt und das Bananarama-Cover zu "Cruel Summer" kam dann zwar sehr überraschend, aber auch ziemlich passend. Das war wirklich verdammt gut!

The Strokes haben wir im Anschluss wieder von weiter hinten gesehen und ich muss sagen, dass der Auftritt für mich als jemanden, der nie wirklich The Strokes gehört hat, viel Spaß gemacht hat. Überall waren tanzende Leute, die von der ersten bis zur letzten Platte die Songs ziemlich abgefeiert haben. Julian war auch gesanglich gut aufgelegt. Selbst der Kopfstimmen-Part bei "The Adults Are Talking" hat gesessen. Sein Dummgelaber zwischen den Songs musste man jedoch ausblenden können, was zugegebenermaßen nicht immer ganz einfach war. Und die Tatsache, dass "Eternal Summer" nicht gespielt wurde, hat mich schon etwas traurig gemacht. Aber ansonsten war das eine ziemlich runde Sache und die Stimmung im Publikum glänzend.

Etwas ambivalenter war mein Eindruck bei M.I.A.. Das lag jedoch zunächst daran, dass ihre Visuals auch auf sämtlichen anderen Screens abgespielt wurden, sodass man aus unserer Position vom Bühnengeschehen überhaupt nichts mitbekommen hat. Das wurde dann irgendwann behoben, dann wieder rückgängig gemacht und am Ende wieder behoben. Mir hat es ansonsten ganz gut gefallen, um mich herum war das Publikum abseits der Hits jedoch eher verhalten. Zum Ende hin wurde noch ein Chor auf die Bühne geholt, der Teil ihres 'spiritual awakenings' darstellen soll und auch im Rahmen von drei neueren Songs zum Einsatz kam. Bin gespannt, ob ihr damit nochmal ein großer Wurf gelingt. Politische Sprengkraft hatte ich bei den Songs jetzt eher weniger wahrgenommen.

Den Tagesabschluss lieferte dann Remi Wolf. Ihren funkigen Pop-Sound mag ich ja total gerne und freue mich, dass sie ihren Songs immer noch eine gute Portion Edginess bewahrt. Zwei der großen Highlights am Anfang habe ich leider direkt verpasst, der Rest des Sets hat dennoch sehr viel Spaß gemacht. U. a. gab es noch Cover von "Electric Feel" und "Crazy" sowie einen Rollentausch mit ihrem Drummer, der dann einen Fantasiesong mit Texten auf seinem Smartphone singen musste. War schon alles ganz unterhaltsam, ABER: Remi hat teilweise wirklich unglaublich schief gesungen und irgendwann wurde es so deutlich, dass man das nicht mehr ignorieren konnte. Das hat mich extrem gewundert, da sie ja auch mal Teilnehmerin bei American Idol war. Ursache war aber glaube ich, dass sie immer wild auf der Bühne hin- und hergesprungen ist und Quatsch gemacht hat. Soll sie auch gerne machen, aber ein wenig mehr Fokus auf den Gesang würde ihr schon gut tun. Wenn sie mal etwas weniger flippig unterwegs war, wurde der Gesang schlagartig besser. Aber insgesamt schon ein cooler Abschluss mit einer charismatischen Sängerin.

Samstag:

Diesmal haben wir uns endlich mal früher aufs Gelände getraut und diese Entscheidung sollte sich als goldrichtig erweisen. Genesis Owusu hat um 17 Uhr einen unglaublichen Abriss vor verhältnismäßig kleiner Crowd veranstaltet. Sein Genre-Mix aus Alternative Hip-Hop, R&B und 80s-Pop war so unglaublich vielseitig, dass vermutlich jede Person im Publikum einen anderen Lieblingssong hatte. Was für eine krasse Performance. Schade, dass er live (noch?) nicht mit kompletter Band unterwegs. Das hätte das Ganze nochmal auf ein anderes Level gehoben. Dennoch waren die drei Tänzer um ihn rum ziemliche Stimmungsgaranten und haben die Energie gut hochgehalten, wozu auch gehört, ins Publikum zu springen, um dort erst mal einen Moshpit anzuzünden. Unglaublich krasser Auftritt. Würde ich mir jederzeit wieder gönnen.

Im Anschluss wurden wir dann zu Angel Bat Dawid mitgeschleift. Bin kein großer Jazz-Hörer und sobald es zu free-jazzig/experimentell wird, bin ich eher raus. Der Auftritt ging für mich in letztere Richtung, sodass wir irgendwann zu Renaldo & Clara geflüchtet sind, deren entspannter Indie-Pop zum Seele baumeln mit Blick aufs Meer eher taugte.

Spontan ging es dann auch noch zu The Weather Station und wir waren ziemlich überwältigt. Ich hatte die "Ignorance"-Platte gehört und die Art-Chamber-Pop hatte mir auf ein paar Songs ganz gut gefallen, aber live kam das einfach unglaublich geil. Ruckzuck war ich in den Songs komplett drin und wurde nur ab und an von dem nervigen Boiler Room direkt nebenan rausgeholt, deren Positionierung von der Sängerin auch an einer Stelle entsprechend kommentiert wurde. DIE Überraschung des Wochenendes. Muss die Band auf jeden Fall weiterhin auf dem Schirm behalten.

Danach ging es zum Geburtstagskonzert von Jorja Smith. Ich liebe ihre Stimme, ich liebe ihre Songs, vor allem die des Debüts und live klangen die Nummern großartig. Kam im Publikum und auch bei uns rundum gut an.
Gleiches kann ich im Falle der Yeah Yeah Yeahs nicht behaupten. Wer sein Set nach so langer Live-Pause erst mal mit Deep-Cuts und komplett neuen, teilweise noch unbekannten Songs beginnt, muss sich seiner Sache schon sehr sicher an. Für mich ging die Nummer ziemlich in die Hose. Die-Hard-Fans vorne sahen das vielleicht anders, um uns herum war im Publikum überhaupt keine Stimmung vorhanden. Mit "Zero" kam der erste Hit erst an sechster Stelle. Als danach dann der dritte neue Song angespielt wurde, war meine Geduld am Ende und wir sind gegangen. Klar, ein paar Hits kamen danach noch, aber so ein schlechtes Set-Pacing kann man bei einem Headliner schon mal kritisieren.

Im Endeffekt war die Entscheidung goldrichtig, denn Fred again.. lieferte für mich die emotionalste Show des Wochenendes. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass die beiden Platten für mich so eng mit der Pandemie und einigen sehr schwierigen Tagen und Wochen verbunden sind. Wenn dann auf einmal ein Song wie "Angie (I've Been Lost)" kommt, dann triggert das einfach nochmal ganz andere Emotionen. Ich war an einer Stelle echt kurz davor loszuflennen, wenn nicht ein kurzer Stimmungs-Shift von den "Actual-Life"-Song zu clubbigeren Rap-Remixes gekommen wäre. Immer wieder beeindruckend, zu was Musik alles so in der Lage ist. Das Konzept mit den eingeblendeten Videosample-Quellen, welche für die Songs verwendet wurden, ist richtig cool und man nimmt Fred die Überwältigung vom euphorischen Feedback der Leute einfach total ab. Leider waren als Spielzeit nur 50 Minuten angesetzt. Hätte ich mir noch locker doppelt so lange ansehen können. Ganz großes Highlight des Wochenendes!

Ich hatte bereits gelesen, dass Tame Impala am ersten Wochenende einer DER Publikumsmagneten und die Hauptbühnen ziemlich überfüllt waren. Schon beim Verlassen der Yeah Yeah Yeahs sind uns Scharen von Menschen entgegen gekommen und auf ein erneutes Gedränge hatten wir keine Lust, sodass wir uns stattdessen entspannt auf der Wiese der Binance-Stage hingesessen und Angèle gelauscht haben. Ich kannte (von der Dua-Kollabo abgesehen) überhaupt keine Songs von ihr und fand es mutig, sie parallel zu Tame Impala zu platzieren, aber habe ihren Bekanntheitsgrad ziemlich unterschätzt, da es ziemlich voll war, sodass die Security sogar den Zuschauerbereich vor der Bühne absperren musste, um eine Überfüllung zu vermeiden. War wohl eine Lehre, die man vom ersten Wochenende gezogen hat, als es bei Sharon van Etten sehr ungemütlich war. Auf jeden Fall top, dass man hier entsprechend reagiert hat. Von Angèle gab es eine richtig gute Pop-Show inkl. Tanzeinlagen und starke Ansagen Richtung LGBTQ. Muss bei ihrer Musik auf jeden Fall mal mehr reinhören.

Krönender Abschluss des Festivals war dann Jessie Ware und wow, war das stark. Es gab keine Band, nur Jessie, ihre Tänzer und die wundervollen Disco-Songs ihres aktuellen Albums "What's Your Pleasure". Das ganze Publikum hat mitgetanzt und mitgesungen, die Stimmung war super lieb. Zu erwähnen wäre noch, dass ich mich als Hetero-Mann im Publikum glaube ich noch nie so sehr in der Minderheit gefühlt habe. Noch mehr als bei Charli waren um mich herum eigentlich nur schwule Männer, die offensichtlich die Zeit ihres Lebens hatten und ich finde es einfach richtig toll, dass ein Festival wie das Primavera für diese Communities ein Anlaufpunkt ist. Da die Euphorie nach diesem saustarken Konzert auf dem absoluten Höhepunkt war, haben wir mit dieser schönen Erinnerung für uns den Festivalabschluss eingeläutet.

Fazit:
Es war ein wirklich tolles Festival, was vor allem mit seinem sehr diversen Line-up glänzt und uns so einige wirklich großartige Konzerte beschert hat; und das, obwohl wir einige Teil-Bereiche des Festivalprogramms gar nicht wahrgenommen haben (das gesamte DJ-Programm, die Metal-Bands auf der Ouigo-Stage, usw.). Viele Grüße auch nochmal an alle Forums-Menschen, die wir zwischendurch mal treffen durften, wenn auch meist viel zu kurz. Organisatorisch kann ich – vom Soundclash von Plentitude-Stage und Boiler-Room abgesehen – ebenfalls kaum meckern und mit ein wenig Erfahrung konnte man auch mit den Menschenmassen an den Hauptbühnen vernünftig umgehen. Den stärkeren Pop-Fokus am zweiten Wochenende habe ich als große Bereicherung des Programms wahrgenommen und hoffe, dass man diesen auch für 2023 beibehält. Für ein Early-Bird-Ticket hat unsere Euphorie dann doch nicht ausgereicht, zumal das Maifeld Derby bei uns ebenfalls auf dem Plan steht. Bei entsprechendem Line-up wären wir jedoch auf jeden Fall bereit, wieder nach Barcelona zurückzukehren.

Edit: In einen Spoiler packe ich noch ein paar Eindrücke zu den organisatorischen Kritikpunkten, die ja gerade nach dem Donnerstag an WE 1 im Netz zuhauf zu lesen war.


- App(s): Ja, die Installation von 3 Apps nur für dieses Festival war etwas nervig, aber letztendlich hat die Übertragung in die AccessTicket-App problemlos funktioniert und der Ablauf des Einlasses war so zügig funktioniert wie noch auf keinem anderen Festival. Ich musste nie auch nur eine Sekunde am Eingang warten.

- Trinken: Ja, das Bar-Personal war nicht vernünftig geschult und Bier wurde auch nie vorab gezapft. Dennoch liefen die Bestellungen zu 95 % super zügig ab, wenn man sich eine weniger besuchte Theke herausgesucht und vielleicht nicht den aller ungünstigsten Zeitpunkt (Bandwechsel auf den Hauptbühnen) gewählt hat. Meistens standen die Leute sogar brav in Schlangen, sodass noch nicht einmal die Gefahr bestand, dass an einem vorbei bedient wird. Gab auch noch ein paar Estrella-Selbstzapfanlagen, an denen auch nie viel los war und wo es (nach App herunterladen und registrieren) nochmal deutlich günstiger war als an den normalen Theken.
- Essen: War teuer (genauso wie die Getränke), aber super lecker. Gab auch dutzende vegetarische Alternativen (vegane bestimmt auch, hab ich nicht so sehr drauf geachtet) und die Wartezeiten waren nicht der Rede wert bzw. nicht vorhanden. Habe ich bislang auf keinem Festival so gut erlebt.
- Trinkwasser: Wenn es auf dem Gelände Schlangen gab, dann an den Trinkwasserstellen. Mich haben diese immer abgeschreckt, auch wenn es angeblich wohl recht schnell ging. Sind dann doch immer an die Theken ausgewichen. Also bitte für künftige Ausgaben gerne aufstocken. Von gratis verteilten Wasserflaschen habe ich nichts mitbekommen, aber vielleicht waren wir auch an den falschen Spots.

- Umwelt/Greenwashing: Hat man sich alles etwas schön geredet. Fängt mit der angeblich guten Klimabilanz der Sponsoren Binance, Cupra & Co. an und hört mit viel zu wenigen Müllcontainern auf. Das Pfandsystem hab ich immer noch nicht so richtig verstanden. Ich weiß nur, dass es für das inflationäre Sammeln von Bechern keine Incentives gab, sodass das auch niemand gemacht hat. Auf Wasser aus Alu-Dosen wurde überhaupt kein Pfand erhoben wurde. Positiv kann man erwähnen, dass die zurückgegebenen Becher an den Theken in der Regel auch für die neu bestellten Getränken genutzt wurden. Etwas übertrieben hat es jedoch ein mobiler Verkäufer mit Bierrucksack, der, als ihm seine Bechern ausgingen, einfach verdreckte Becher vom Boden aufgehoben und für den weiteren Verkauf verwendet hat.
- Toiletten: War ziemlich easy. Selbst Frauen mussten meistens gar nicht oder wirklich nur sehr kurz warten. Wenn man das Gelände etwas besser kannte, war es auch nicht schwierig, die eher weniger frequentierten Toiletten auszumachen. Laut meiner Freundin waren die Kabinen wohl auch ziemlich sauber. Seife und Desinfektionszeug waren leider meistens leer.

- Nebenbühnen: Die längste Schlange auf dem Gelände habe ich noch vergessen und das war die des Boiler Rooms. Die Bühne MUSS umplatziert werden, um Sound-Clashes mit der Plenitude-Bühne zu vermeiden. Wenn man sich als Zuschauer ganz rechts positioniert hat, konnte man das Schlimmste noch vermeiden, aber das war nicht immer möglich und die Artists waren auch oft sehr irritiert. Wenn es sich beim Boiler Room um so einen Publikumsmagnet handelt, wieso dann nicht diesen im tendenziell eher weniger besuchten Bits-Bereich unterbringen? Das würde nochmal mehr Leute dorthin locken. Ansonsten haben mir die meisten Bühnen gefallen, sowohl was Zugänglichkeit, Positionierung, Bühnensicht und Ausblick angeht. Besonders toll war der großzügige abschüssige Sitzbereich der Binance-Stage.
- Bits-Area: Ja, der Weg dorthin könnte (für Nicht-VIPs) kürzer sein und für Fans von schnellen Bühnenwechseln fällt die Area wohl komplett flach. Insgesamt lief sich der Weg aber relativ flott. Man hat sich zudem der Kritik angenommen und z. B. mit der Verlegung von 2manydjs versucht, den Bereich für die Besucher:innen attraktiver zu machen (auch wenn die Überschneidung mit Bicep dann einige gewurmt hat). Der Rückweg von Bits zum großen Gelände war aufgrund der Treppen etwas anstrengender, zumal die Unterführung auch ein kleines Bottleneck war. Ich hoffe, dass man sich mit dem Hafen-Betreiber einigen kann, sodass die eigentliche Brücke wieder von allen genutzt werden kann.

- VIP: Mir fehlt der Vergleich zum Vorjahr, aber im Netz haben sich diverse VIP-Ticketinhaber:innen über zu wenige Benefits beschwert. Auch wenn ich das aus Nicht-VIP-Perspektive z. T. nachvollziehen kann, muss ich sagen, dass ich sehr froh darüber bin, dass es keine VIP-exklusiven FOS-Bereiche vor den beiden Hauptbühnen mehr gibt. VIP-Tickets sollten das Festival für deren Käufer:innen angenehmer und vielleicht auch luxuriöser gestalten, aber "normale" Besucher:innen sollten keine Nachteile dadurch erfahren. Die neue VIP-Bühne vor den beiden Hauptbühnen hat jedoch niemandem etwas gebracht. Für VIPs war sie zu weit hinten platziert und bot keine attraktivere Sicht auf die Bühne. Für normale Leute war sie ein riesiges Sichthindernis auf die Bühne und sorgte gerade bei den gut besuchten Heads auf der linken Seite für ein ziemlich fettes Bottleneck. Daher bitte die VIP-Bühne mit ordentlicher Erhöhung auf die rechte Seite stellen, mit ausreichenden Toiletten und Thekenpersonal ausstatten und meinetwegen noch Premium-Food/Drinks anbieten, die es sonst auf dem Gelände nicht gibt. Genauso wird es beim Graspop, ebenfalls mit parallelen Hauptbühnen, gemacht und da wird das Angebot ausgesprochen gut angenommen.

- Hauptbühnen: Am liebsten sind mir natürlich auch die Festivals, bei denen ich entspannt kurz vor jedem Act noch einen guten Platz ergattern kann. Beim Graspop ist das z. B. so, aber die haben auch einen höheren Altersschnitt, wo es sich viele Leute auch gerne weiter hinten gemütlich machen. Beim WE 2 war das Publikum dem Booking entsprechend jedoch sehr jung und das zugkräftigste Parallelprogramm der Welt verhindert nicht, dass sehr viele Menschen Acts wie Dua Lipa, Tame Impala und Gorillaz sehen möchten und es vor der Bühne voll wird. Eine Gefahr für Leib und Leben habe ich hier jedoch nie erlebt. Ein wenig unangenehm war es für uns lediglich bei den Gorillaz, wo es schon etwas eng war und wo vor allem dem Publikumsaustausch sowohl nach vorne als auch nach hinten wenig Spielraum geboten wurde. Ob hier Wellenbrecher (nach hinten oder zwischen beiden Bühnen) etwas bringen würden? Ich weiß ja nicht. Bei uns hätten die nix gebracht, dafür standen wir noch zu weit hinten. Ich glaube, die Verfrachtung der zentral platzierten VIP-Bühne an die Seite würde hier am meisten helfen, weil sie das Schauen von weiter hinten wesentlich attraktiver machen würde. Wenn es dann noch möglich wäre, den Hauptbühnen-Bereich hinten zu beiden Seiten verlassen zu können, dann sehe ich hier eigentlich gar keine Probleme mehr. Die gegenüberliegenden Bühnen aus den Vojahren würden bestimmt für mehr Publikumsbewegung sorgen. Auf der anderen Seite ist so ein Doppelbühnen-Konzept schon ganz nice und wurde bereits auf so vielen Festivals erfolgreich umgesetzt. Das schafft das Primavera bestimmt auch noch. Weniger Publikum wäre natürlich auch nett, aber mit dem Fokus auf die ganz großen Heads glaube ich nicht so recht daran. Ist halt immer noch ein Major-Festival.
- Sound: Ist hier interessanterweise erstaunlich gut weggekommen. In den meisten Fällen war ich auch vollauf zufrieden, aber gerade an den Hauptbühnen kam es mMn etwas zu häufig vor, dass man beim ersten Song überhaupt keinen Gesang gehört hat, was dann ab dem zweiten Song gefixt wurde. Dua Lipa war dagegen konstant zu leise. Bei Standpunkten weit außen kam von den Lautsprechern auch nicht mehr viel an, da die Front-Speaker zu weit entfernt waren und die Back-Speaker hinter dem VIP-Deck zu wenig nach außen geneigt waren. Daher also besser auch weiter hinten noch einmal äußere Speaker aufstellen.

- People: Die meisten Personen waren super entspannt und gut drauf und die Stimmung bei fast allen Gigs war ausgezeichnet. Hab mich natürlich insbesondere gefreut, ein paar Leute aus diesem Forum zu treffen, auch wenn die Begegnungen viel zu selten und meistens viel zu kurz waren. Influencer:innen konnte ich gut ignorieren und sonstigen Stress hatte ich vor Ort nie. Da sich hier öfters über laut quatschende Spanier beschwert wurde: Die Personen, die mir diesbezüglich unangenehm aufgefallen sind, waren so gut wie immer Briten. Ansonsten ein paar Teenies, die ihren Alkoholkonsum falsch eingeschätzt haben und Leute, die meinen, sich in zu engem Gedränge Kippen anzünden zu müssen. Das Übliche halt.

- Primavera a la Ciutat: Konnte sich im Prinzip jede:r vorher denken, dass die Konzerte mit theoretischen Besuchern von zwei kompletten Wochenenden völlig überlaufen sein werden, aber die Ausmaße haben wohl einige Anwesende doch etwas erstaunt. Ich bin generell kein Fan solcher Ansteh-Gigs. Die Ungewissheit, ob ich nach mehreren Stunden Warterei tatsächlich reinkomme, würde mich komplett fertig machen. Für mehr Unmut sorgte jedoch die Tatsache, dass eben kein first come first serve galt, sondern DICE-Ticket > VIP-Ticket > Ticket WE 1&2 > Ticket WE 1 oder 2. Mindestens die Unterscheidung der letzten beiden Kategorien hätte man sich auf jeden Fall sparen können, zumal das meine ich auch nicht von Anfang an so klar kommuniziert war. Damit hätte man einigen Leuten eine Menge Frust erspart. Beruht jedoch alles nur auf Hören-Sagen. Live habe ich mir dieses Warteschlange-Schauspiel nie gegeben. So ganz ist mir das Konzept dieser Gigs auch noch nicht klar. Will man intime Zusatz-Gigs von Festival-Acts für Fan-Ultras? Will man exklusive Bonus-Gigs von Nicht-Festival-Acts? Will man die Venues vor Ort promoten? Will man den Locals, die sich kein Festivalticket leisten können, ebenfalls den Zugang zu Konzerten ermöglichen? Ich finde, man sollte sich überlegen, was man mit dem Programm unter der Woche eigentlich erreichen will und dann die Organisation darauf ausrichten.
- Brunch at the Beach: Auch hier hätte man sich vorher denken können, dass für die 10 Acts vermutlich nicht das komplette Festivalgelände geöffnet wird. Dennoch hätte hier eine entsprechende Kommunikation nicht geschadet. Dass dann von den Behörden kurzfristig eine offizielle Zulassungsbeschränkung verlangt wurde, war natürlich blöd. Dennoch wären auch hier genug Zeit vorhanden gewesen, das zu kommunizieren, anstatt einfach zu einer Zeit, wo die meisten noch schlafen, ohne Vorwarnung einen Registrierungsprozess freizuschalten, der dann ruckzuck ausverkauft ist. Uns hat es nicht betroffen, da wir eh nicht hinwollten, aber ich verstehe den Ärger vieler Leute. Immerhin hat man sich mit den kurzfristig anberaumten Club-Gigs um Schadensbegrenzung bemüht.

- Kommunikation/Organisation: Abgesehen von den bereits angesprochenen Punkten und dem vermutlich zurecht kritisierten WE 1-Donnerstag war es meiner Meinung nach in Ordnung. Für Massive Attack hätte auch ich mir einen Ersatz gewünscht (muss noch nicht mal gleichwertig sein). Scheint wohl dieses Jahr eine angespannte Situation auf dem Booking-Markt gewesen zu sein. Ansonsten haben mich eigentlich nur die ständigen Timetable-Anpassungen genervt. Die sind natürlich verständlich, wenn Acts super kurzfristig absagen, aber gefühlt wurde da ständig dran rumgebastelt. Hier mal alle Pausen auf den Hauptbühnen von 5 auf 15 Minuten erhöht. Gorillaz spontan doch 15 Minuten früher, Shellac und Sky Ferreira tauschen Slots usw. Alles kein Ding, wenn es dafür gute Gründe gibt, aber bitte haut doch einfach bei so etwas mal eine Info raus. Auf dem Gelände war meistens gutes Internet, sodass solche Updates auf sehr vielen Smartphones angekommen wären. Ansonsten noch Probs, dass die Kritik mit der Überfüllung der Binance-Stage angenommen wurde. Bei Angèle am Samstag standen dort auf beiden Seiten Ordner mit Absperrband und haben den Publikumsbereich vor Überfüllung geschützt.

Letztendlich muss man sagen, dass die meisten der im Internet geäußerten Kritikpunkte insb. vom ersten Donnerstag für mich während des zweiten Wochenendes schlichtweg nicht mehr vorhanden waren. Ich hatte nach den ersten Berichten in Foren und auf Social Media sehr große Bedenken bzgl. des Festival-Ablaufs und hab mich da sehr verrückt machen lassen. Man muss einfach bedenken, dass gerade auf Social Media sehr viel übertrieben wird. Fyre-Festival-Vergleiche werden so inflationär gedroppt, dass ich diese wirklich nicht mehr ernst nehmen kann. Ich denke, ein Großteil der auf den Donnerstag bezogenen Kritik war vermutlich gerechtfertigt und es wäre natürlich schöner gewesen, wenn von Anfang an alles glatt gelaufen wäre. Aber die Kritik wurde angenommen und innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Maßnahmen ergriffen, sodass sowohl ich als auch die meisten anderen Besucher:innen am Ende hoffentlich eine schöne Zeit hatten.

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robintobs
04.07.2022 11:11


defpro schrieb:
Bin zwar etwas spät dran, wollte aber auch nochmal etwas detaillierter zu den Bands beim Primavera Sound 2022 schreiben. War musikalisch ein sehr tolles Wochenende und da ich bislang noch nicht auf so vielen Indie-Festivals unterwegs war, gab es für mich auch seeeeehr viele Artist-Premieren. Hab mich ein wenig wie bei meinem ersten Rock am Ring 2008 gefühlt, weil das Line-up nicht nur aus Bands bestand, die ich alle schon 100x gesehen habe.

Wir waren wie gesagt nur für das zweite Wochenende da, hatten aber vorher noch ein paar Tage Sightseeing gemacht. Ciutat-Konzerte wären also theoretisch einige möglich gewesen. Nachdem wir (vermutlich Klimaanlagen-bedingt) gesundheitlich jedoch schon etwas angeschlagen waren und die Berichte über lange Schlangen und für uns ungünstige Priorisierungen eintrudelten, haben wir diese Pläne über den Haufen geworfen (schade um den King Hannah/Los Bitchos-Abend) und uns auf den Mittwoch konzentriert.

Mittwoch - Poble Espanyol:

Hier hatten wir uns im Vorfeld bereits DICE-Tickets gekauft. War zwar eigentlich etwas entgegen meiner Prinzipien, aber im Endeffekt war ich vor Ort super froh, dass wir entspannt kurz vor Beginn an der sehr langen Schlange vorbeikonnten. Zur Location hat JackJones bereits alles gesagt: Sah echt super schön aus. Schade, dass wir erst so knapp vorher da waren, sonst hätte ich mich gerne auf dem Gelände noch etwas mehr umgesehen.

Die erste Band war Pom Pom Squad. Der Publikumsbereich war noch eher spärlich gefüllt, weil die meisten noch draußen am Anstehen waren. Die tanzbareren Indie-Rock-Pop-Punk-Songs der Band haben für einen schönen Einstieg gesorgt. Das Pacing des Sets fand ich etwas merkwürdig, da in der zweiten Hälfte fast nur Balladen gespielt wurden. Hätte man etwas besser mixen können. War aber ein schöner Einstieg.

Weiter ging es mit Magdalena Bay, für mich dem Lowlight des Abends, was aber ausschließlich die Sound-Person zu verantworten hat. Der erste Song wurde gestartet, die darauf abgestimmten Visuals liefen und das Headset-Mic der Sängerin klappte nicht. Da wohl einiges vom Audio vom Band kam, konnte man nicht einfach pausieren und neu starten, sodass spontan auf ein Kabel-Mikro gewechselt werden musste, was ebenfalls nicht funktionierte. Alle Songs liefen in fließenden Übergängen, sodass man die ersten 2-3 Songs exakt null Gesang gehört hat, was bei einer Electro-Synthpop-Band zu nur mäßig spannenden Ergebnissen führt. Irgendwann hat man das Kabel-Mic dann doch zum Laufen bekommen, was zu einem Euphorie-Moment im Publikum geführt hat. Zumindest bei uns weiter hinten war es danach jedoch weiterhin ein einziger Sound-Matsch. Sehr schade. Hatte mich auf den Auftritt echt gefreut.

Im Anschluss gab es meinen einzigen negativen Getränkestand-Moment des ganzen Festivals. War ein bisschen Pech dabei, weil beide Thekendamen konsequent an mir vorbei bedient haben und die Cashless-Terminals auch noch Empfangsprobleme hatten. Deshalb leider von Ride die ersten 2,5 Songs verpasst, darunter das großartige "Leave Them All Behind". Naja, hätte das Ganze auch etwas besser timen können. Ride haben dann ihre komplette "Going Blank Again"-Platte gespielt (die komplette "Nowhere" gab es einen Tag später, da jedoch ohne mich). Könnte jetzt spontan gar nicht sagen, welche der beiden Konzerte ich lieber gesehen hätte, aber da von "Nowhere" normalerweise mehr im regulären Set landet, gab es für mich ein paar mehr Live-Premieren wie z. B. das großartige "Cool Your Boots". Ich muss zugeben, dass ich das Album jetzt nicht als DIE Klassiker-Platte sehe, zu der sie oft gemacht wird, sodass sich für mich in der zweiten Hälfte ein paar kleinere Längen eingeschlichen haben. Insgesamt aber ein toller Auftritt.

Khruangbin lieferten für mich danach die Überraschung des Abends. Ich war schon ein wenig erschöpft und einfach nicht in Stimmung für solche Musik. Da habe ich jedoch meine Rechnung nicht ohne die Münchner vor uns gemacht, deren gute Laune so ansteckend war, sodass ich dann doch sehr viel Spaß hatte und der Vibe für mich im Endeffekt dennoch passte. Besonders cool waren die beiden gespielten Medleys, obwohl ich echt viele Songs nicht erkannt habe (ich muss mehr MF Doom hören). Hat sich super in das Set eingefügt und jemand, der "Apache" covert, hat bei mir sowieso einen Stein im Herzen.

Headliner des Abends waren Phoenix und meine Güte, hab ich mich auf die gefreut. Den großen Hype um "Wolfgang Amadeus Phoenix" hab ich damals komplett verschlafen und stattdessen nur irgendwelche Metalcore-Bands abgefeiert. Hab deshalb auch erst viel zu spät erkannt, was für eine geile Platte das auch abseits der beiden großen Hits ist. Besagte Hits markierten dann auch den Beginn und das Ende des Sets und die Euphorie im Publikum war richtig heftig. Hab mich dann auch zu einem kleinen Pogo zu "1901" hinreißen lassen. Die Mitte des Sets hatte dafür ein paar (gewollte) Ruhepole zu viel für mich, was aber sicherlich auch an meiner Erkältung lag (aber Probs für die coolen Visuals zum "Love Like a Sunset"-Double). Leider gab's auch nur den Titeltrack der mMn unterschätzen "Ti Amo"-Platte. Die beiden neuen Songs haben dagegen meine Euphorie bzgl. des neuen Albums noch nicht so ganz entfacht, aber der crowdsurfende Thomas zum Abschluss hat einiges wieder wettgemacht. Sehr tolle Live-Band und schön, dass ich sie nach all den Jahren endlich mal gesehen habe.

Der Heimweg um 1 Uhr nachts war im Anschluss noch super anstrengend, da weder U-Bahnen noch Trams, sondern ausschließlich Nachtbusse gefahren sind, welche dementsprechend auch komplett überfüllt waren. An quasi jeder Station wurden Leute unfreiwillig draußen gelassen, weil sie andere Leute aussteigen lassen wollten und der Busfahrer dann einfach die Türen vor ihnen geschlossen hat. Ist für mich ein Rätsel, dass man in so einer Millionenstadt wie Barcelona nicht die Öffis in einer eingeschränkten Taktung durchfahren lassen kann oder zumindest bei einem Festival eine Ausnahme machen kann. Hat uns zum Glück in den Folgenächten nicht mehr betroffen, da unser Hotel in Laufnähe zum Parc del Fòrum war.

Donnerstag:

Los ging es für uns direkt zum allseits beliebten Bits-Gelände, wo Griff eine sehr gute Pop-Show ablieferte. Hatten sie ja bereits als Support von Dua Lipa gesehen, aber bei einer kleineren Show kommt ihr Auftritt im Publikum auf jeden Fall noch ein gutes Stück besser an.

Mussten dann leider verfrüht schon wieder abhauen, weil ich unbedingt Jay Electronica sehen wollte. Meine Freundin sollte mir diese Entscheidung noch einige Male vorhalten, denn das war mit Abstand der verrückteste Auftritt des Wochenendes. Genau genommen wahrscheinlich auch der schlechteste, aber es gab Entertainment der anderen Sorte. Für alle, die ihn nicht kennen: Jay ist ein US-Rapper, der 2010 nach nur zwei bekannten Songs bei Jay-Zs Roc Nation gesignt wurde, dann 10 Jahre abgesehen von ein paar Feature-Parts keinen einzigen Song veröffentlicht hat, nur um 2020 dann ohne irgendwelche Promo ein Kollabo-Album mit Jay-Z zu droppen. Was hab ich mich auf den Auftritt gefreut. Hatte sogar auf einen Khruangbin-Gastauftritt gehofft, welche für einen Beat gesamplet werden. Ja, bei US-Rappern sind die Auftritte häufig low effort, aber doch nicht bei Jay. Der ist noch ein "echter Lyriker". Das ist noch "real hip-hop". Tja, weit gefehlt.
Fangen wir mit dem Musikalischen an: Aus den Boxen liefen die Originalsongs mit komplettem Vollplayback. Darüber rappte Jay dann, wenn er Lust dazu hatte, seine Texte. Wobei "rappen" das falsche Wort ist. Seine ruhige Vortragsweise ist live einem anstrengenden Shouten gewichen. Eine besondere Glanzleistung war es auch, dass Songs mit fremden Feature-Parts in keinster Weise gecuttet waren. Man hätte z. B. den Westside Gunn-Track "Free Kutter" einfach mit Jays zweiter Strophe erst einfaden können. Nein, der komplette Track wird gespielt, sodass man sich erstmal 1,5 Minuten Gunns erste Strophe vom Band anhören muss, bis Jay seine Strophe rappt. Genauso war es natürlich auch mit den Jay-Z-Parts der aktuellen Songs. Vermutlich auch der Grund, wieso Kanyes "Jesus Lord" nicht gespielt wurde. Da hätte man ja knapp 5 Minuten bis zu Jays Part warten müssen. Wieso man bei so viel Downtime dann noch ein 2-minütiges Spoken-Word-Intro von Louis Farrakhan, des Führers der Nation of Islam, spielen muss? Ich habe keine Ahnung.
Nun zum Auftritt selbst: Jay kommt auf die Bühne, hat nach 2 Minuten keinen Bock mehr auf die Bühne und geht ins Publikum, spielt dort 2 Songs, geht wieder auf die Bühne, schmeißt seinen Hut und NOI-Mantel sowie ein Walkie-Talkie ins Publikum, fragt das Publikum hintereinander, wer aktuell auf Weed, MDMA und Kokain ist. BARCELOONA BARCELOONA!!! Shout out J Dilla. Jay will, dass die Leute zu ihm auf die Bühne kommen. Barrikaden werden gestürmt, komplette Bühne ist überfüllt mit Leuten, nächster Song wird eine Minute gespielt, danach wird Jays Mikro abgedreht. Auftritt ist zunächst abgebrochen, alle Leute müssen wieder runter. Zeit vergeht, Security sucht die Bühne nach gefährlichen Gegenständen ab. Jay klatscht zum Dank ein paar Securitys ab, nur um im Anschluss den gleichen Security zu beleidigen ("if I see you near me again I'mma punch your fuckin' face"). Jay schmeißt Bühnenequipment und ein Mikro ins Publikum (bin mir ziemlich sicher, dass das Mikro an einer Person abgeprallt ist). BARCELOONA BARCELOONA! Jay geht wieder ab ins Publikum, spielt "Exhibit C", geht wieder auf die Bühne, rappt die letzten 30 Sekunden a cappella, schmeißt ein zweites Walkie-Talkie und ein zweites Mikro ins Publikum und verlässt die Bühne 20 Minuten vor Ende der angekündigten Zeit. Das ganze Set hat inklusive Playback-Songs und Konzertabbruch ne halbe Stunde gedauert. Einfach nur wow...

Nach einer Essenspause ging es für 2 Songs zu Slowdive. Hier hat der Vibe aber für mich nicht gestimmt und das Mikro von Rachel war entweder defekt oder zumindest unfassbar leise. Also ab nach Mordor für ein paar Interpol-Songs und einen guten Spot für Gorillaz. Heftige Menschenmenge, sehr viele Briten, ziemliches Gedränge. Stimmung für Interpol war überhaupt nicht vorhanden. Obwohl wir früh da waren, standen wir echt weit von der Bühne weg und es ging nichts mehr. Im Nachhinein war der Spot sehr schlecht gewählt, da es genau das Bottleneck zu FOH und VIP-Bühne war, wo sich einfach dauerhaft Menschen an einem vorbeiquetschen wollten. Wir haben es 4 Songs in dem Gedränge ausgehalten, aber irgendwann wurde es uns zu viel. Stimmung war zu dem Zeitpunkt auch keine vorhanden. Standen dann links relativ weit hinten, wo es auch sehr voll war, man vom Sound jedoch gar nichts mehr mitbekommen hat. Haben uns dann hinter FOH positioniert und den restlichen Auftritt über den Monitor verfolgt. Abgesehen von den Hits war keine Stimmung im Publikum, gerade der "Plastic Beach"-Mittelteil hat überhaupt nicht funktioniert. Dazu noch ein bisschen Setlist-Pech (viele "Demon Days"-Songs gestrichen und "Désolé" vom ersten Wochenende war auch nicht mehr dabei). War für mich im Endeffekt der schlechteste Auftritt des Wochenendes und wir waren erst mal ziemlich unterwältigt von der Hauptbühnen-Situation. Wenn man das Gelände etwas besser kennt, hätte man jedoch auch einen besseren Spot finden können.

Dua Lipa haben wir dann ebenfalls nur über den Bildschirm verfolgt, aber hier haben wenigstens die Hits gestimmt. Die Show war im Vergleich zur Solo-Tour natürlich abgespeckter, aber die Leute hatten ziemlich Spaß. Haben leider das Angèle-Duett knapp verpasst, weil wir nochmal den Weg zu Bits auf uns nehmen mussten...

... denn dort wartete Charli XCX und entschädigte uns für die teilweise etwas mäßigen Auftritte des Tages. Was für eine Show! Was für eine Power! Was für ein Publikum! Bester Auftritt des Tages mit Abstand. Alleine diese aufwändigen Dance-Choreographien waren schon der absolute Hammer. Für mich verständlich, dass dafür auch der Playback-Anteil etwas hochgefahren werden musste. Ihrer Stimme hat man die vorherige Erkältung jedoch mMn nicht mehr angehört. Der Anteil an neuen Songs war erwartungsgemäß sehr hoch, was man aufgrund des 1-Stunden-Slots auch gemerkt hat. Ich kam jedoch voll auf meine Kosten. Alleine schon das Intro-Triple aus "Lightning", "Gone" und "Move Me"... einfach nur krass. Später noch ein komplett ausrastendes Publikum zu "Vroom Vroom". Genau darauf hab ich mich seit 2019 gefreut (damals noch mit Mad Cool-Ticket im Gepäck) und meine Erwartungen wurden nur noch übertroffen. Ganz ganz toll!

Sind im Anschluss nochmal rüber zur Cupra-Stage, um noch ein wenig Bicep mitzunehmen. Sah mit den Visuals schon sehr beeindruckend aus und ich liebe die Songs auch, aber meine Energie war komplett hinüber und zum Tanzen war es teilweise auch etwas zu voll. Will mir gar nicht vorstellen, wie das ausgesehen hätte, wenn man 2manydj's nicht noch kurzfristig parallel gelegt hätte. Haben dann nach einigen Liedern erschöpft, aber glücklich den Heimweg angetreten.

Freitag:

Nachdem wir mit den Hauptbühnen am Vortag keine guten Erfahrungen gemacht hatten, beschlossen wir, diesmal frühzeitig da zu sein. So stand außerplanmäßig dann auch Brittany Howard auf unserem Plan. Gespielt wurden Songs ihrer Solo-Platte sowie drei Cover von Funkadelic, Jackie Wilson und Nina Simone. Die Cover waren für mich die klaren Highlights, von denen ich mir gerne noch mehr gewünscht hätte. Ihre eigenen Songs gingen, von dem Hit "Stay High" mal abgesehen nicht ganz so an mich, verließen aber hin und wieder auch mal den Neo-Soul/R&B-Pfad in drifteten jazzigere Gefilde ab. Zum Reinkommen in den Tag auf jeden Fall ein nettes Konzert.

Das Tageshighlight lieferte im Anschluss Lorde ab. Im Gegensatz zu unseren Befürchtungen war vor der Bühne noch massig Platz und erst kurz vor Konzertbeginn füllten sich die Reihen. So stand wir unbeabsichtigt viel weiter vorne als geplant und waren umgeben von lauter Lorde-Ultras, die jede einzelne Textzeile lauthals mitsangen. Hab mich als Gelegenheits-Fan fast etwas schuldig gefühlt. Highlight waren auf jeden Fall die "Melodrama"-Songs (bei "Liability" hab ich schon etwas Gänsehaut bekommen) sowie "Mood Ring" als für mich mittlerweile klar bester Song der aktuellen Platte. Dass sich drehende Bühnenbild sowie die reduzierte Choreographie haben sich sehr schon in den Auftritt eingefügt und das Bananarama-Cover zu "Cruel Summer" kam dann zwar sehr überraschend, aber auch ziemlich passend. Das war wirklich verdammt gut!

The Strokes haben wir im Anschluss wieder von weiter hinten gesehen und ich muss sagen, dass der Auftritt für mich als jemanden, der nie wirklich The Strokes gehört hat, viel Spaß gemacht hat. Überall waren tanzende Leute, die von der ersten bis zur letzten Platte die Songs ziemlich abgefeiert haben. Julian war auch gesanglich gut aufgelegt. Selbst der Kopfstimmen-Part bei "The Adults Are Talking" hat gesessen. Sein Dummgelaber zwischen den Songs musste man jedoch ausblenden können, was zugegebenermaßen nicht immer ganz einfach war. Und die Tatsache, dass "Eternal Summer" nicht gespielt wurde, hat mich schon etwas traurig gemacht. Aber ansonsten war das eine ziemlich runde Sache und die Stimmung im Publikum glänzend.

Etwas ambivalenter war mein Eindruck bei M.I.A.. Das lag jedoch zunächst daran, dass ihre Visuals auch auf sämtlichen anderen Screens abgespielt wurden, sodass man aus unserer Position vom Bühnengeschehen überhaupt nichts mitbekommen hat. Das wurde dann irgendwann behoben, dann wieder rückgängig gemacht und am Ende wieder behoben. Mir hat es ansonsten ganz gut gefallen, um mich herum war das Publikum abseits der Hits jedoch eher verhalten. Zum Ende hin wurde noch ein Chor auf die Bühne geholt, der Teil ihres 'spiritual awakenings' darstellen soll und auch im Rahmen von drei neueren Songs zum Einsatz kam. Bin gespannt, ob ihr damit nochmal ein großer Wurf gelingt. Politische Sprengkraft hatte ich bei den Songs jetzt eher weniger wahrgenommen.

Den Tagesabschluss lieferte dann Remi Wolf. Ihren funkigen Pop-Sound mag ich ja total gerne und freue mich, dass sie ihren Songs immer noch eine gute Portion Edginess bewahrt. Zwei der großen Highlights am Anfang habe ich leider direkt verpasst, der Rest des Sets hat dennoch sehr viel Spaß gemacht. U. a. gab es noch Cover von "Electric Feel" und "Crazy" sowie einen Rollentausch mit ihrem Drummer, der dann einen Fantasiesong mit Texten auf seinem Smartphone singen musste. War schon alles ganz unterhaltsam, ABER: Remi hat teilweise wirklich unglaublich schief gesungen und irgendwann wurde es so deutlich, dass man das nicht mehr ignorieren konnte. Das hat mich extrem gewundert, da sie ja auch mal Teilnehmerin bei American Idol war. Ursache war aber glaube ich, dass sie immer wild auf der Bühne hin- und hergesprungen ist und Quatsch gemacht hat. Soll sie auch gerne machen, aber ein wenig mehr Fokus auf den Gesang würde ihr schon gut tun. Wenn sie mal etwas weniger flippig unterwegs war, wurde der Gesang schlagartig besser. Aber insgesamt schon ein cooler Abschluss mit einer charismatischen Sängerin.

Samstag:

Diesmal haben wir uns endlich mal früher aufs Gelände getraut und diese Entscheidung sollte sich als goldrichtig erweisen. Genesis Owusu hat um 17 Uhr einen unglaublichen Abriss vor verhältnismäßig kleiner Crowd veranstaltet. Sein Genre-Mix aus Alternative Hip-Hop, R&B und 80s-Pop war so unglaublich vielseitig, dass vermutlich jede Person im Publikum einen anderen Lieblingssong hatte. Was für eine krasse Performance. Schade, dass er live (noch?) nicht mit kompletter Band unterwegs. Das hätte das Ganze nochmal auf ein anderes Level gehoben. Dennoch waren die drei Tänzer um ihn rum ziemliche Stimmungsgaranten und haben die Energie gut hochgehalten, wozu auch gehört, ins Publikum zu springen, um dort erst mal einen Moshpit anzuzünden. Unglaublich krasser Auftritt. Würde ich mir jederzeit wieder gönnen.

Im Anschluss wurden wir dann zu Angel Bat Dawid mitgeschleift. Bin kein großer Jazz-Hörer und sobald es zu free-jazzig/experimentell wird, bin ich eher raus. Der Auftritt ging für mich in letztere Richtung, sodass wir irgendwann zu Renaldo & Clara geflüchtet sind, deren entspannter Indie-Pop zum Seele baumeln mit Blick aufs Meer eher taugte.

Spontan ging es dann auch noch zu The Weather Station und wir waren ziemlich überwältigt. Ich hatte die "Ignorance"-Platte gehört und die Art-Chamber-Pop hatte mir auf ein paar Songs ganz gut gefallen, aber live kam das einfach unglaublich geil. Ruckzuck war ich in den Songs komplett drin und wurde nur ab und an von dem nervigen Boiler Room direkt nebenan rausgeholt, deren Positionierung von der Sängerin auch an einer Stelle entsprechend kommentiert wurde. DIE Überraschung des Wochenendes. Muss die Band auf jeden Fall weiterhin auf dem Schirm behalten.

Danach ging es zum Geburtstagskonzert von Jorja Smith. Ich liebe ihre Stimme, ich liebe ihre Songs, vor allem die des Debüts und live klangen die Nummern großartig. Kam im Publikum und auch bei uns rundum gut an.
Gleiches kann ich im Falle der Yeah Yeah Yeahs nicht behaupten. Wer sein Set nach so langer Live-Pause erst mal mit Deep-Cuts und komplett neuen, teilweise noch unbekannten Songs beginnt, muss sich seiner Sache schon sehr sicher an. Für mich ging die Nummer ziemlich in die Hose. Die-Hard-Fans vorne sahen das vielleicht anders, um uns herum war im Publikum überhaupt keine Stimmung vorhanden. Mit "Zero" kam der erste Hit erst an sechster Stelle. Als danach dann der dritte neue Song angespielt wurde, war meine Geduld am Ende und wir sind gegangen. Klar, ein paar Hits kamen danach noch, aber so ein schlechtes Set-Pacing kann man bei einem Headliner schon mal kritisieren.

Im Endeffekt war die Entscheidung goldrichtig, denn Fred again.. lieferte für mich die emotionalste Show des Wochenendes. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass die beiden Platten für mich so eng mit der Pandemie und einigen sehr schwierigen Tagen und Wochen verbunden sind. Wenn dann auf einmal ein Song wie "Angie (I've Been Lost)" kommt, dann triggert das einfach nochmal ganz andere Emotionen. Ich war an einer Stelle echt kurz davor loszuflennen, wenn nicht ein kurzer Stimmungs-Shift von den "Actual-Life"-Song zu clubbigeren Rap-Remixes gekommen wäre. Immer wieder beeindruckend, zu was Musik alles so in der Lage ist. Das Konzept mit den eingeblendeten Videosample-Quellen, welche für die Songs verwendet wurden, ist richtig cool und man nimmt Fred die Überwältigung vom euphorischen Feedback der Leute einfach total ab. Leider waren als Spielzeit nur 50 Minuten angesetzt. Hätte ich mir noch locker doppelt so lange ansehen können. Ganz großes Highlight des Wochenendes!

Ich hatte bereits gelesen, dass Tame Impala am ersten Wochenende einer DER Publikumsmagneten und die Hauptbühnen ziemlich überfüllt waren. Schon beim Verlassen der Yeah Yeah Yeahs sind uns Scharen von Menschen entgegen gekommen und auf ein erneutes Gedränge hatten wir keine Lust, sodass wir uns stattdessen entspannt auf der Wiese der Binance-Stage hingesessen und Angèle gelauscht haben. Ich kannte (von der Dua-Kollabo abgesehen) überhaupt keine Songs von ihr und fand es mutig, sie parallel zu Tame Impala zu platzieren, aber habe ihren Bekanntheitsgrad ziemlich unterschätzt, da es ziemlich voll war, sodass die Security sogar den Zuschauerbereich vor der Bühne absperren musste, um eine Überfüllung zu vermeiden. War wohl eine Lehre, die man vom ersten Wochenende gezogen hat, als es bei Sharon van Etten sehr ungemütlich war. Auf jeden Fall top, dass man hier entsprechend reagiert hat. Von Angèle gab es eine richtig gute Pop-Show inkl. Tanzeinlagen und starke Ansagen Richtung LGBTQ. Muss bei ihrer Musik auf jeden Fall mal mehr reinhören.

Krönender Abschluss des Festivals war dann Jessie Ware und wow, war das stark. Es gab keine Band, nur Jessie, ihre Tänzer und die wundervollen Disco-Songs ihres aktuellen Albums "What's Your Pleasure". Das ganze Publikum hat mitgetanzt und mitgesungen, die Stimmung war super lieb. Zu erwähnen wäre noch, dass ich mich als Hetero-Mann im Publikum glaube ich noch nie so sehr in der Minderheit gefühlt habe. Noch mehr als bei Charli waren um mich herum eigentlich nur schwule Männer, die offensichtlich die Zeit ihres Lebens hatten und ich finde es einfach richtig toll, dass ein Festival wie das Primavera für diese Communities ein Anlaufpunkt ist. Da die Euphorie nach diesem saustarken Konzert auf dem absoluten Höhepunkt war, haben wir mit dieser schönen Erinnerung für uns den Festivalabschluss eingeläutet.

Fazit:
Es war ein wirklich tolles Festival, was vor allem mit seinem sehr diversen Line-up glänzt und uns so einige wirklich großartige Konzerte beschert hat; und das, obwohl wir einige Teil-Bereiche des Festivalprogramms gar nicht wahrgenommen haben (das gesamte DJ-Programm, die Metal-Bands auf der Ouigo-Stage, usw.). Viele Grüße auch nochmal an alle Forums-Menschen, die wir zwischendurch mal treffen durften, wenn auch meist viel zu kurz. Organisatorisch kann ich – vom Soundclash von Plentitude-Stage und Boiler-Room abgesehen – ebenfalls kaum meckern und mit ein wenig Erfahrung konnte man auch mit den Menschenmassen an den Hauptbühnen vernünftig umgehen. Den stärkeren Pop-Fokus am zweiten Wochenende habe ich als große Bereicherung des Programms wahrgenommen und hoffe, dass man diesen auch für 2023 beibehält. Für ein Early-Bird-Ticket hat unsere Euphorie dann doch nicht ausgereicht, zumal das Maifeld Derby bei uns ebenfalls auf dem Plan steht. Bei entsprechendem Line-up wären wir jedoch auf jeden Fall bereit, wieder nach Barcelona zurückzukehren.

Edit: In einen Spoiler packe ich noch ein paar Eindrücke zu den organisatorischen Kritikpunkten, die ja gerade nach dem Donnerstag an WE 1 im Netz zuhauf zu lesen war.


- App(s): Ja, die Installation von 3 Apps nur für dieses Festival war etwas nervig, aber letztendlich hat die Übertragung in die AccessTicket-App problemlos funktioniert und der Ablauf des Einlasses war so zügig funktioniert wie noch auf keinem anderen Festival. Ich musste nie auch nur eine Sekunde am Eingang warten.

- Trinken: Ja, das Bar-Personal war nicht vernünftig geschult und Bier wurde auch nie vorab gezapft. Dennoch liefen die Bestellungen zu 95 % super zügig ab, wenn man sich eine weniger besuchte Theke herausgesucht und vielleicht nicht den aller ungünstigsten Zeitpunkt (Bandwechsel auf den Hauptbühnen) gewählt hat. Meistens standen die Leute sogar brav in Schlangen, sodass noch nicht einmal die Gefahr bestand, dass an einem vorbei bedient wird. Gab auch noch ein paar Estrella-Selbstzapfanlagen, an denen auch nie viel los war und wo es (nach App herunterladen und registrieren) nochmal deutlich günstiger war als an den normalen Theken.
- Essen: War teuer (genauso wie die Getränke), aber super lecker. Gab auch dutzende vegetarische Alternativen (vegane bestimmt auch, hab ich nicht so sehr drauf geachtet) und die Wartezeiten waren nicht der Rede wert bzw. nicht vorhanden. Habe ich bislang auf keinem Festival so gut erlebt.
- Trinkwasser: Wenn es auf dem Gelände Schlangen gab, dann an den Trinkwasserstellen. Mich haben diese immer abgeschreckt, auch wenn es angeblich wohl recht schnell ging. Sind dann doch immer an die Theken ausgewichen. Also bitte für künftige Ausgaben gerne aufstocken. Von gratis verteilten Wasserflaschen habe ich nichts mitbekommen, aber vielleicht waren wir auch an den falschen Spots.

- Umwelt/Greenwashing: Hat man sich alles etwas schön geredet. Fängt mit der angeblich guten Klimabilanz der Sponsoren Binance, Cupra & Co. an und hört mit viel zu wenigen Müllcontainern auf. Das Pfandsystem hab ich immer noch nicht so richtig verstanden. Ich weiß nur, dass es für das inflationäre Sammeln von Bechern keine Incentives gab, sodass das auch niemand gemacht hat. Auf Wasser aus Alu-Dosen wurde überhaupt kein Pfand erhoben wurde. Positiv kann man erwähnen, dass die zurückgegebenen Becher an den Theken in der Regel auch für die neu bestellten Getränken genutzt wurden. Etwas übertrieben hat es jedoch ein mobiler Verkäufer mit Bierrucksack, der, als ihm seine Bechern ausgingen, einfach verdreckte Becher vom Boden aufgehoben und für den weiteren Verkauf verwendet hat.
- Toiletten: War ziemlich easy. Selbst Frauen mussten meistens gar nicht oder wirklich nur sehr kurz warten. Wenn man das Gelände etwas besser kannte, war es auch nicht schwierig, die eher weniger frequentierten Toiletten auszumachen. Laut meiner Freundin waren die Kabinen wohl auch ziemlich sauber. Seife und Desinfektionszeug waren leider meistens leer.

- Nebenbühnen: Die längste Schlange auf dem Gelände habe ich noch vergessen und das war die des Boiler Rooms. Die Bühne MUSS umplatziert werden, um Sound-Clashes mit der Plenitude-Bühne zu vermeiden. Wenn man sich als Zuschauer ganz rechts positioniert hat, konnte man das Schlimmste noch vermeiden, aber das war nicht immer möglich und die Artists waren auch oft sehr irritiert. Wenn es sich beim Boiler Room um so einen Publikumsmagnet handelt, wieso dann nicht diesen im tendenziell eher weniger besuchten Bits-Bereich unterbringen? Das würde nochmal mehr Leute dorthin locken. Ansonsten haben mir die meisten Bühnen gefallen, sowohl was Zugänglichkeit, Positionierung, Bühnensicht und Ausblick angeht. Besonders toll war der großzügige abschüssige Sitzbereich der Binance-Stage.
- Bits-Area: Ja, der Weg dorthin könnte (für Nicht-VIPs) kürzer sein und für Fans von schnellen Bühnenwechseln fällt die Area wohl komplett flach. Insgesamt lief sich der Weg aber relativ flott. Man hat sich zudem der Kritik angenommen und z. B. mit der Verlegung von 2manydjs versucht, den Bereich für die Besucher:innen attraktiver zu machen (auch wenn die Überschneidung mit Bicep dann einige gewurmt hat). Der Rückweg von Bits zum großen Gelände war aufgrund der Treppen etwas anstrengender, zumal die Unterführung auch ein kleines Bottleneck war. Ich hoffe, dass man sich mit dem Hafen-Betreiber einigen kann, sodass die eigentliche Brücke wieder von allen genutzt werden kann.

- VIP: Mir fehlt der Vergleich zum Vorjahr, aber im Netz haben sich diverse VIP-Ticketinhaber:innen über zu wenige Benefits beschwert. Auch wenn ich das aus Nicht-VIP-Perspektive z. T. nachvollziehen kann, muss ich sagen, dass ich sehr froh darüber bin, dass es keine VIP-exklusiven FOS-Bereiche vor den beiden Hauptbühnen mehr gibt. VIP-Tickets sollten das Festival für deren Käufer:innen angenehmer und vielleicht auch luxuriöser gestalten, aber "normale" Besucher:innen sollten keine Nachteile dadurch erfahren. Die neue VIP-Bühne vor den beiden Hauptbühnen hat jedoch niemandem etwas gebracht. Für VIPs war sie zu weit hinten platziert und bot keine attraktivere Sicht auf die Bühne. Für normale Leute war sie ein riesiges Sichthindernis auf die Bühne und sorgte gerade bei den gut besuchten Heads auf der linken Seite für ein ziemlich fettes Bottleneck. Daher bitte die VIP-Bühne mit ordentlicher Erhöhung auf die rechte Seite stellen, mit ausreichenden Toiletten und Thekenpersonal ausstatten und meinetwegen noch Premium-Food/Drinks anbieten, die es sonst auf dem Gelände nicht gibt. Genauso wird es beim Graspop, ebenfalls mit parallelen Hauptbühnen, gemacht und da wird das Angebot ausgesprochen gut angenommen.

- Hauptbühnen: Am liebsten sind mir natürlich auch die Festivals, bei denen ich entspannt kurz vor jedem Act noch einen guten Platz ergattern kann. Beim Graspop ist das z. B. so, aber die haben auch einen höheren Altersschnitt, wo es sich viele Leute auch gerne weiter hinten gemütlich machen. Beim WE 2 war das Publikum dem Booking entsprechend jedoch sehr jung und das zugkräftigste Parallelprogramm der Welt verhindert nicht, dass sehr viele Menschen Acts wie Dua Lipa, Tame Impala und Gorillaz sehen möchten und es vor der Bühne voll wird. Eine Gefahr für Leib und Leben habe ich hier jedoch nie erlebt. Ein wenig unangenehm war es für uns lediglich bei den Gorillaz, wo es schon etwas eng war und wo vor allem dem Publikumsaustausch sowohl nach vorne als auch nach hinten wenig Spielraum geboten wurde. Ob hier Wellenbrecher (nach hinten oder zwischen beiden Bühnen) etwas bringen würden? Ich weiß ja nicht. Bei uns hätten die nix gebracht, dafür standen wir noch zu weit hinten. Ich glaube, die Verfrachtung der zentral platzierten VIP-Bühne an die Seite würde hier am meisten helfen, weil sie das Schauen von weiter hinten wesentlich attraktiver machen würde. Wenn es dann noch möglich wäre, den Hauptbühnen-Bereich hinten zu beiden Seiten verlassen zu können, dann sehe ich hier eigentlich gar keine Probleme mehr. Die gegenüberliegenden Bühnen aus den Vojahren würden bestimmt für mehr Publikumsbewegung sorgen. Auf der anderen Seite ist so ein Doppelbühnen-Konzept schon ganz nice und wurde bereits auf so vielen Festivals erfolgreich umgesetzt. Das schafft das Primavera bestimmt auch noch. Weniger Publikum wäre natürlich auch nett, aber mit dem Fokus auf die ganz großen Heads glaube ich nicht so recht daran. Ist halt immer noch ein Major-Festival.
- Sound: Ist hier interessanterweise erstaunlich gut weggekommen. In den meisten Fällen war ich auch vollauf zufrieden, aber gerade an den Hauptbühnen kam es mMn etwas zu häufig vor, dass man beim ersten Song überhaupt keinen Gesang gehört hat, was dann ab dem zweiten Song gefixt wurde. Dua Lipa war dagegen konstant zu leise. Bei Standpunkten weit außen kam von den Lautsprechern auch nicht mehr viel an, da die Front-Speaker zu weit entfernt waren und die Back-Speaker hinter dem VIP-Deck zu wenig nach außen geneigt waren. Daher also besser auch weiter hinten noch einmal äußere Speaker aufstellen.

- People: Die meisten Personen waren super entspannt und gut drauf und die Stimmung bei fast allen Gigs war ausgezeichnet. Hab mich natürlich insbesondere gefreut, ein paar Leute aus diesem Forum zu treffen, auch wenn die Begegnungen viel zu selten und meistens viel zu kurz waren. Influencer:innen konnte ich gut ignorieren und sonstigen Stress hatte ich vor Ort nie. Da sich hier öfters über laut quatschende Spanier beschwert wurde: Die Personen, die mir diesbezüglich unangenehm aufgefallen sind, waren so gut wie immer Briten. Ansonsten ein paar Teenies, die ihren Alkoholkonsum falsch eingeschätzt haben und Leute, die meinen, sich in zu engem Gedränge Kippen anzünden zu müssen. Das Übliche halt.

- Primavera a la Ciutat: Konnte sich im Prinzip jede:r vorher denken, dass die Konzerte mit theoretischen Besuchern von zwei kompletten Wochenenden völlig überlaufen sein werden, aber die Ausmaße haben wohl einige Anwesende doch etwas erstaunt. Ich bin generell kein Fan solcher Ansteh-Gigs. Die Ungewissheit, ob ich nach mehreren Stunden Warterei tatsächlich reinkomme, würde mich komplett fertig machen. Für mehr Unmut sorgte jedoch die Tatsache, dass eben kein first come first serve galt, sondern DICE-Ticket > VIP-Ticket > Ticket WE 1&2 > Ticket WE 1 oder 2. Mindestens die Unterscheidung der letzten beiden Kategorien hätte man sich auf jeden Fall sparen können, zumal das meine ich auch nicht von Anfang an so klar kommuniziert war. Damit hätte man einigen Leuten eine Menge Frust erspart. Beruht jedoch alles nur auf Hören-Sagen. Live habe ich mir dieses Warteschlange-Schauspiel nie gegeben. So ganz ist mir das Konzept dieser Gigs auch noch nicht klar. Will man intime Zusatz-Gigs von Festival-Acts für Fan-Ultras? Will man exklusive Bonus-Gigs von Nicht-Festival-Acts? Will man die Venues vor Ort promoten? Will man den Locals, die sich kein Festivalticket leisten können, ebenfalls den Zugang zu Konzerten ermöglichen? Ich finde, man sollte sich überlegen, was man mit dem Programm unter der Woche eigentlich erreichen will und dann die Organisation darauf ausrichten.
- Brunch at the Beach: Auch hier hätte man sich vorher denken können, dass für die 10 Acts vermutlich nicht das komplette Festivalgelände geöffnet wird. Dennoch hätte hier eine entsprechende Kommunikation nicht geschadet. Dass dann von den Behörden kurzfristig eine offizielle Zulassungsbeschränkung verlangt wurde, war natürlich blöd. Dennoch wären auch hier genug Zeit vorhanden gewesen, das zu kommunizieren, anstatt einfach zu einer Zeit, wo die meisten noch schlafen, ohne Vorwarnung einen Registrierungsprozess freizuschalten, der dann ruckzuck ausverkauft ist. Uns hat es nicht betroffen, da wir eh nicht hinwollten, aber ich verstehe den Ärger vieler Leute. Immerhin hat man sich mit den kurzfristig anberaumten Club-Gigs um Schadensbegrenzung bemüht.

- Kommunikation/Organisation: Abgesehen von den bereits angesprochenen Punkten und dem vermutlich zurecht kritisierten WE 1-Donnerstag war es meiner Meinung nach in Ordnung. Für Massive Attack hätte auch ich mir einen Ersatz gewünscht (muss noch nicht mal gleichwertig sein). Scheint wohl dieses Jahr eine angespannte Situation auf dem Booking-Markt gewesen zu sein. Ansonsten haben mich eigentlich nur die ständigen Timetable-Anpassungen genervt. Die sind natürlich verständlich, wenn Acts super kurzfristig absagen, aber gefühlt wurde da ständig dran rumgebastelt. Hier mal alle Pausen auf den Hauptbühnen von 5 auf 15 Minuten erhöht. Gorillaz spontan doch 15 Minuten früher, Shellac und Sky Ferreira tauschen Slots usw. Alles kein Ding, wenn es dafür gute Gründe gibt, aber bitte haut doch einfach bei so etwas mal eine Info raus. Auf dem Gelände war meistens gutes Internet, sodass solche Updates auf sehr vielen Smartphones angekommen wären. Ansonsten noch Probs, dass die Kritik mit der Überfüllung der Binance-Stage angenommen wurde. Bei Angèle am Samstag standen dort auf beiden Seiten Ordner mit Absperrband und haben den Publikumsbereich vor Überfüllung geschützt.

Letztendlich muss man sagen, dass die meisten der im Internet geäußerten Kritikpunkte insb. vom ersten Donnerstag für mich während des zweiten Wochenendes schlichtweg nicht mehr vorhanden waren. Ich hatte nach den ersten Berichten in Foren und auf Social Media sehr große Bedenken bzgl. des Festival-Ablaufs und hab mich da sehr verrückt machen lassen. Man muss einfach bedenken, dass gerade auf Social Media sehr viel übertrieben wird. Fyre-Festival-Vergleiche werden so inflationär gedroppt, dass ich diese wirklich nicht mehr ernst nehmen kann. Ich denke, ein Großteil der auf den Donnerstag bezogenen Kritik war vermutlich gerechtfertigt und es wäre natürlich schöner gewesen, wenn von Anfang an alles glatt gelaufen wäre. Aber die Kritik wurde angenommen und innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Maßnahmen ergriffen, sodass sowohl ich als auch die meisten anderen Besucher:innen am Ende hoffentlich eine schöne Zeit hatten.

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Kann dir nur zustimmen, Charli XCX's Show war sehr stark, selten ein Publikum gesehen, dass bei einem Set mit ich glaub 10 Liedern vom (richtig guten) neuen Album trotzdem jede Zeile mitgesungen hat. Haben extra Dua Lipa geskipped für nen Platz in den ersten Reihen, hat sich absolut gelohnt.

Meine weiteren Highlights waren:
WE1: Pavement, Beach House, Black Country, New Road und auch Charli XCX (da von etwas weiter weg auf der Mainstage, dafür etwas mehr Hits)
WE2: Lorde, Big Thief, Porridge Radio, Phoenix, Rolling Blackouts Coastal Fever