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Ninguna noche para Argentina // Hasta el amargo final Pt 4

Ninguna noche para Argentina // Hasta el amargo final Pt 4

Es ist recht beflügelnd eine Konzertreise fortzusetzen, wenn man weiß, dass das uneinholbare Highlight bereits Geschichte ist. So ganz ohne Druck und trotzdem vollbepackt mit Erwartungen ging es für uns am Tag nach der Mendoza Show wieder zurück in die Hauptstadt – mit einem Koffer voller Glücksgefühle.

Der Morgen nach dem Abend im N8 war nicht gerade das, was man als Idylle bezeichnen würde. In unserem Hotelzimmer herrschten gefühlte 35 Grad und die körperlichen Gebrechen hinderten uns zunächst am Verlassen der Gemächer. Blaue Flecken wurden gezählt und Präventiv-Ibuprofen herumgereicht. So langsam fängt die Reise also an, richtig anstrengend zu werden. Aber kein Wunder, wenn man sich noch einmal vor Augen führt, welche Szenen sich am Vorabend in Mendoza so abspielten.

Weil Jammern aber bekanntlich nichts nützt und so ein Trip eben auch kein Erholungsurlaub ist, konnten wir uns schließlich aufraffen und zum „Früh“stück in die Stadt ziehen. In Deutschland hätten wir uns einen Kaffee mit Brezel auf die Hand geholt und irgendwo in einem Park noch ein bisschen erholt, aber in Argentinien ist die „To-Go“ Kultur was das Essen angeht bei Weitem nicht so ausgeprägt als hierzulande. In Argentinien nimmt man sich für das Essen nämlich noch Zeit, was bedeutet, dass man sich zum Frühstücken gemütlich hinsetzt. Nach erster kurzer Verwirrung darüber, dass uns niemand etwas Einpacken will, haben wir uns bereitwillig den örtlichen Gepflogenheiten gebeugt. So stärkten wir uns mit den obligatorischen Tostados und einem frisch gepressten Saft, ehe wir uns schon wieder sputen mussten, um unseren Flug zu erreichen.

Unser Zeitplan war recht straff, da am Abend schon wieder ein Konzert mit dem Kraftklub auf dem Plan stand. Dementsprechend kam es uns nicht gerade gelegen, dass am Flughafen ein großer Streik herrschte, der etliche Verspätungen mit sich brachte. Die schon öfter vor Ort gewesenen Hosenfans erklärten uns, dass das Streiken in Argentinien ein gerne und viel benutztes Instrument zur Druckmache ist und sie es noch nie erlebt haben, dass am Flughafen mal nicht in irgendeiner Form gestreikt wurde. Unsere Airline, die Norwegian (ja, etwas absurd) war allerdings fleißig und so konnten wir mit einer relativ geringen Verspätung die Reise zurück nach Buenos Aires antreten.

Die Gefühle für die am Abend bevorstehende Show waren allerdings noch etwas gemischt, da wir uns ganz und gar nicht sicher waren, was uns denn erwarten würde. Wie bereits in einem vorgehenden Blog erklärt, handelte es sich um eine Show beim Goethe-Institut Buenos Aires, auf die wir aufmerksam wurden, weil Kraftklub sie als offizielles Konzert angekündigt haben. Nach kurzer Recherche stellten wir jedoch fest, dass es sich hierbei um eine nicht-öffentliche Veranstaltung nur für Schüler und Lehrende des Instituts handelt. Wer sich nun fragt, wie sowas zustande kommt, dem sei ein kleiner Blick ins Jahr 2011 empfohlen. Damals erhielten die Kraftis vom Goethe Institut ein Stipendium und durften mit ihrem Debütalbum „Mit K“ durch Kolumbien touren. So erklärt sich diese Verbandelung mit den Goethe-Instituten, die es auf der ganzen Welt gibt.

Von der Tatsache, dass das Konzert eine Privatveranstaltung ist, wollten wir uns natürlich nicht abhalten lassen und schafften es nach etlichen Mails tatsächlich, die Veranstalterin davon zu überzeugen, dass ein Kraftklub Konzert ohne uns nicht stattfinden darf. Beim Treffen mit der Dame beschlich uns jedoch immer mehr der Verdacht, dass das Konzert einen eher merkwürdigen Rahmen bekommen könnte. Kennen die Leute die Band überhaupt? Ist das gar ein Dinner-Event mit Nebenbei-Beschallung? Wir waren skeptisch, aber durchaus motiviert.

Weil wir auf keinen Fall negativ auffallen wollten, entschieden wir uns für eher neutrale, etwas elegantere Kleidung. Das sollte sich bei Ankunft an der Location auch als gute Wahl herausstellen, denn mit Bandshirts wären wir zwischen den ganzen Blusen und Anzughosen sicherlich rausgestochen. Wir mussten schon etwas grinsen, als wir in der doch recht feinen Bar in San Telmo ankamen, die noch dazu eher spärlich gefüllt war. Größer wurde das Grinsen, als die erste Dame uns Häppchen und Kanapés reichte. Verdammt, wird das etwa noch absurder als gedacht?

Ninguna noche para Argentina // Hasta el amargo final Part 4

Etwas verzweifelt aber dennoch amüsiert verzogen wir uns mit unserem Bier dann lieber auf die Straße und harrten dort der Dinge, die noch kommen. Glücklicherweise kamen immer mehr junge Studenten an, die einen vernünftigen Eindruck machten. Auch einige Deutsche waren darunter, die großteils für ein Auslandsjahr nach Argentinien gekommen sind und am Goethe Institut Deutsch lehren oder anderweitig mitarbeiten. Als dann noch der ein oder andere Hosenfan auftauchte und sich an der mittlerweile dann doch eingerichteten Abendkasse eindeckte, fühlten wir uns nicht mehr ganz so alleine.

Egal mit wem wir sprachen, die Kraftklub Show vom Vorabend schien nicht nur bei uns großen Eindruck gemacht zu haben. Selbst ehemalige Skeptiker waren nach diesem Abend von der Live-Qualität der Band überzeugt und wir triumphierten, hatten wir ja tagelang nichts anderes prophezeit.

Zum Showbeginn musste die Band quer durch den Raum auf die Bühne laufen, wo sie das Set mit einem grauenvoll klingenden „Am Ende“ eröffnete. Der Sound war mehr als nur problematisch und das Publikum durchaus verhalten. Wir überlegten kurz, auch verhalten zu bleiben, erkannten jedoch sofort das Spaß-Potenzial und rissen einen Moshpit auf, der, zur absoluten Verwunderung, durch wilde Argentinier schnell ausgeweitet wurde. Das kam irgendwie überraschend, stachelte uns aber an, trotz der Gebrechen aus Mendoza so zu tanzen, als wäre es eine Show im normalen Rahmen. Die mittlerweile immerhin zu zwei Dritteln gefüllte Bar heizte sich schnell auf und wir mussten sogar eine Trinkpause machen, weil wir kurz vorm Dehydrieren waren. Ihr seht also, Erwartungen und Realität gingen zumindest bei der Show deutlich weiter auseinander, als zunächst angenommen. Selbst Lehrer des Instituts sprangen irgendwann in die Moshpits und als bei Kilombo nahezu jeder im Raum auf dem Boden saß, war auch der letzte Zweifel verschwunden, dass die Show seltsam werden könnte.

Als nach Liam frenetisch eine Zugabe gefordert wurde, erklärte Felix zunächst, dass sich beim Soundcheck am Nachmittag die enorme Lautstärke im Club als Problem herausgestellt hat und sie daher das Konzert komplett ohne PA gespielt haben. Hiermit erklärt sich auch, warum der Sound stellenweise schlimmer war, als an der Centerstage bei Sturmböen. Alles in allem dennoch ein Abend, der deutlich besser war als gedacht und einen recht entspannten Ausgleich zur anstrengenden Nacht davor bot.

Da wir noch ein Date in der Hosenbar hatten, gingen wir relativ schnell nach Ende der Show Richtung Taxi. Aufgehalten wurden wir doch von Michelle, der Veranstalterin, die uns noch einmal verabschiedete und zu einem offenen Gespräch von den Hosen und Kraftklub am nächsten Vormittag ins Goethe Institut einlud.

Ninguna noche para Argentina // Hasta el amargo final Part 4

Für uns stand schnell fest, dass wir diesen Termin auf jeden Fall wahrnehmen wollen. Wann kommt man sonst in den Genuss einer solchen Veranstaltung und noch dazu in solch einem Rahmen? Die ersten Zweifel kamen uns erst am kommenden Morgen, als wir in unserem Merch in einer kleinen Bibliothek am anderen Ende der Stadt saßen. Um uns herum standen vielleicht 25 Stühle, vorne eine kleine Couch und eine Dolmetscherin. Irgendwie war es uns unangenehm, schon wieder zwischen den ganzen seriösen und irgendwie auch wichtig anmutenden Leuten zu sitzen, nur weil wir drei durchgeknallte Fans sind. Aber wir waren eingeladen, also aßen wir brav unsere Medialunas (süße Croissants aus Brioche-Teig, sind der heiße Scheiß in Argentinien) und harrten der Dinge, die da kommen.

Schließlich kamen Andi, Breiti und Felix in die kleine Bibliothek, nahmen vorne Platz und begannen zu erzählen. Ein Argentinier führte durch das Gespräch und stellte Fragen, die von den drei Herren ausführlich beantwortet wurden. Eine Dolmetscherin übersetzte die deutschen Antworten simultan für alle anwesenden Argentinier, die mit Knopf im Ohr ausgestattet wurden. Für die anwesenden Deutschen (also uns) gab es diesen Service leider nicht, sodass wir uns anhand der Antworten die Frage erst zusammenreimen mussten und uns bei Breiti gänzlich auf unsere paar Brocken Sppanisch verlassen mussten. Jeder, der Aufnahmen der Hosen aus Argentinien kennt, weiß, dass Breiti in Argentinien die Ansagen von Campino für das Publikum in astreines Spanisch übersetzt. Bei solch einem ausführlichen Gespräch konnte er natürlich noch mehr glänzen.

Trotz der kleinen Sprachbarrieren kamen wir in den Genuss eines unfassbar interessanten Gesprächs, in dem es neben der politischen Situation in Deutschland rund um die Chemnitz-Vorfälle natürlich vorwiegend um die Musik ging. Als Andi gefragt wurde, wie sie als Band es denn handhaben, nach all den Jahren noch so zu harmonieren, antwortete er mit „getrennte Hotelzimmer“, was bei uns für den ersten großen Lacher der Veranstaltung sorgte. Und es sollten noch viele weitere folgen, denn zwischen Anekdoten aus dem Musikerleben und den Schreibprozessen von Alben mussten wir uns oft zurückhalten, weil wir mehrfach als einzige im Raum in schallendes Gelächter ausbrachen. Erzählenswert ist hier vielleicht die Geschichte, dass Kraftklub bei einem Festivalauftritt 2012 (vor dem großen Hype) dachten, sie haben Campino im Publikum bei ihrer Show erspäht. Weil sie sich aber nicht sicher waren und sie es vor allem für absurd hielten, dass sich Campino IHR KONZERT ansieht, sprach Felix von einer Art „Jesus-Erscheinung“, die wir in diesem Moment mehr als nur gefühlt haben.

Auch wenn wir mehrfach den Eindruck hatten, dass Felix etwas von der Dolmetscherin neben ihm abgelenkt wurde, gab das Gespräch viele Einblicke, die wir vorher in der Form noch nicht hatten. Ebenso wussten Andi und Breiti mit ihren Ausführungen zu überzeugen, weswegen die Stunde im Institut auch vorbeiging wie im Flug.

Rundum wurde durchweg deutlich, was für ein großes Vorbild die Hosen für die Kraftklubs darstellen und vor allem auch wie dankbar sie sind, dass sie das Abenteuer Argentinien gemeinsam mit ihnen spielen dürfen. Als wir uns im Nachgang über die Veranstaltung unterhalten haben, wurde uns erstmals klar, wie viele Parallelen es eigentlich zwischen Felix und Campi gibt und dass die Kraftklubs eine der potenziellen Bands sind, die so eine Lücke irgendwann einmal füllen können.

Mein Fanherz implodiert beinahe, wenn ich dann noch sehe, wie die Hosen den Nachwuchs schätzen und fördern, vor allem wenn es dabei um die fünf Dullis aus Chemnitz geht. Klingt vielleicht kitischig, ist aber ziemlich cool, wenn sich die Lieblingsbands lieb haben.

Ich könnte euch jetzt noch erzählen, wie wir im Anschluss beim Tätowierer waren und auf Kuddel trafen, da aber meine Mutter noch nicht weiß, dass ich ein kleines Accessoire aus Argentinien mitgebracht habe, halte ich mich an der Stelle mal etwas bedeckt. Weiter geht’s dann morgen mit Impressionen von unserem Abend im Uniclub und dem, was davon noch im Gedächtnis geblieben ist.

Stiflers_Mom Stiflers_Mom bei Karlsruh'

www.bandanajones.de // MIT K!

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